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Informator 1/08

II. DEUTSCHER TEIL

 

 

EINLADUNG

 

 

Frühjahrstreffen 2008

Unser jährliches Treffen im Frühling wird heuer am 5./6. April 2008 in Marktredwitz und in Cheb / Eger stattfinden.

Ausgehend vom 13. Jahrhundert bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches hatten sowohl das Egerland als auch der zur Stadt Cheb / Eger gehörende Markt Redwitz, im Schnittpunkt der Interessenssphären der böhmischen Länder und der deutschen Fürstentümer gelegen, eine Sonderstellung inne. Diesen historischen Besonderheiten wollen wir bei unserem Besuch in Marktredwitz nachspüren. Gleichzeitig möchten wir einen kleinen Einblick in die vielfältigen deutsch ? tschechischen Aktivitäten vermitteln, die in diesem Raum zur Zeit verwirklicht werden. Ein Vergleich der beiden Egerland ? Museen in Marktredwitz und Cheb / Eger, naturgemäß aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Konzeptionen gestaltet, wird das Treffen abrunden.

 

Programm:

 

Samstag, 5. April:

Zusammentreffen zwischen 13 und 14 Uhr im Bistro/Café gegenüber dem Bahnhof. Möglichkeit zu einem Imbiss (auf eigene Kosten).

Ankunft der Züge:

Aus Prag um 12:51 Uhr

Aus Würzburg um 13:01 Uhr

Aus Regensburg um 13:33 Uhr

Aus Nürnberg um 13:01 Uhr

Ab 14 Uhr

Spaziergang durch Marktredwitz mit kleiner Stadtführung.

Anschließend Kaffeetrinken im Egerland ? Kulturhaus.

16 Uhr:

Offizielle Eröffnung.

Vorstellung deutsch ? tschechischer Aktivitäten

im Gebiet Martredwitz - Cheb / Eger:

-         Oberbürgermeisterin Dr. Birgit Seelbinder, Präsidentin der Euregio Egrensis über grenzübergreifende kommunale Projekte.

-         Pfarrerin Cordula Winzer ? Chamrád zu den Zielen der Freunde der deutsch ? tschechischen Verständigung.

-         Einführung in die Ausstellung  ?Verschwundene Dörfer? (realisiert am Otto Hahn Gymnasium Marktredwitz und am Gymnasium in Eger) durch StD a.D. Peter Gasse.

17 Uhr:

Jahreshauptversammlung

18 Uhr:

Führung durch das Egerland ? Museum 

19 Uhr:

Abendessen mit anschließendem gemütlichen Beisammensein (Klavier vorhanden!)

ca. 22 Uhr:

Abfahrt nach Cheb / Eger mit dem Bus. Übernachtung im Hotel.

 

Sonntag, 6. April:

Nach dem Frühstück Führung durch das Egerland ? Museum in Cheb / Eger.

Anschließend Frühschoppen, Mittagessen und Ausklang.

 

Abfahrt der Züge vom Bahnhof in Cheb / Eger:

Nach Prag um 14:15 Uhr

Richtung Deutschland um 14:22 Uhr

Der Teilnehmerbeitrag beläuft sich auf 20 Euro bzw. 500 Kronen. Anmeldungen erbitten wir bis spätestens 15. März mit beiliegendem Blatt oder unter:

Tel.: 09231/5078142 (aus Deutschland)

        0049/9231/5078142 (aus Tschechien)

E ? Mail: aloishartl@centrum.cz

 

 

INFORMATIONEN

 

Věra Knetlová

 

BEGEGNUNG IN ZLATÉ HORY ? ZUCKMANTEL

 

Seit zwölf Jahre begegnen sich wieder Menschen aus drei Ländern

 

Maria Hilf bei Zuckmantel in der Mährisch-Schlesischen Region ist einer der bekanntesten mährischen Wallfahrtsorte. Dieser Ort ist seit dem Jahr 1995 jeden dritten Samstag im September bei der ?Wallfahrt dreier Nationen? Begegnungsstätte von Gläubigen, Geistlichen, Politikern, Diplomaten und auch Touristen aus Deutschland, Polen und Tschechien. Am Samstag, den 22. September 2007 nahmen annähernd 5000 Pilger an dieser großartigen Festlichkeit teil. Wie bereits ihre Vorfahren, so versammelten sie sich seit dem frühen Morgen an der Wallfahrtskirche Maria Hilf, um gemeinsam zu beten und um Aussöhnung zwischen den Nachbarn zu bitten.

Die ersten Wallfahrer kamen schon um 9 Uhr zum Kreuzweg-Gottesdienst, der sich über drei Kilometer erstreckte. Die heilige Messe begann um 12 Uhr, als die Glocken der Kirche der Hilfreichen Jungfrau Maria zu läuten begannen und sich die Prozession der Bischöfe, Priester und Ministranten dem Opfertisch unter freiem Himmel näherte. Die Messe wurde von Bischöfen aus drei Nationen gelesen, in deutscher, polnischer und tschechischer, aber auch in lateinischer Sprache. Das Hochgebet, ein Dankgebet, wurde für Europa gesprochen.

Zum Vormittagsprogramm - vor Beginn der hl. Messe - gehörte die Verleihung der Auszeichnung ?Goldenes Herz für Europa? unseres Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung an Stanislav Lekavý, den Rektor des Zentrums für geistliche Erneuerung in Zuckmantel und ehemaligen politischen Häftling (s. Foto im tschechischen Teil). Er hat sehr viel für die Wiedererstehung der Wallfahrtsstätte geleistet. Dem Festakt war von den Veranstaltern große Aufmerksamkeit gewidmet worden, auch die Laudatio wurde in drei Sprachen verlesen (tschechisch von B. Řeřicha, deutsch von V. Knetlová, polnisch von L. Liberdová). Zusätzlich zur Ehrennadel erhielt P. Stanislav Lekavý ein Lebkuchenherz aus den Händen eines kleinen Mädchens, viele Blumen und starke Beifallskundgebungen. Alle Pilger applaudierten stehend. Dann folgten aufrichtige Dankesworte des Laureaten an alle, besonders aber an den Initiator des Preises Dr. Walter Kotrba, den Ehrenvorsitzenden des  Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung.

Unser Dank und unsere Bewunderung gilt den Organisatoren, den vielen Freiwilligen und allen Pilgern für den wunderschönen Tag in Zlaté Hory / Zuckmantel. In diesem Jahr beteiligte sich erstmals auch die Olmützer Region an der Wallfahrt, sie unterstützte u. a. die Herausgabe von Prospekten in den drei Sprachen. 

Mehr über den Wallfahrtsort erfahren Sie unter www.mariahilf.hyperlink.cz auch in der deutschen Version.

 

 

LAUDATIO FÜR PATER STANISLAV LEKAVÝ

 

Die Auszeichnung ?Goldenes Herz für Europa? wurde am 22. September 2007 anlässlich der diesjährigen ?Wallfahrt dreier Völker? an Pater Stanislav Lekavý übergeben. (Siehe obigen Bericht über dieses Ereignis.) Die Laudatio hatte folgenden Wortlaut (s. www.goldenesherz.eu):

Der Anlass und der eigentliche Sinn der Verleihung des Ehrenpreises GOLDENES HERZ FÜR EUROPA an P. Stanislav Lekavý liegt vor allem in seinem Streben und unermüd-lichen Bemühen um Versöhnung und gegenseitiges Vergeben des geschehenen Unrechts zwischen den Angehörigen des tschechischen, deutschen und polnischen Volkes.

Der Preis wurde von Dr. Walter Kotrba gestiftet und wird alljährlich einigen wenigen besonders um Verständigung und Befriedung in Europa verdienten Persönlichkeiten durch den Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung verliehen.

Konkret handelt es sich um Folgendes: Pater Stanislav Lekavý als Rektor des Wallfahrts-ortes Panny Marie Pomocné in Zlaté Hory (Maria Hilf in Zuckmantel) fördert durch maxi-malen persönlichen Einsatz die alljährlichen ?Wallfahrten dreier Völker?. Mit diesen Veranstaltungen wurde bereits im Jahre 1995 begonnen, damals unter der Leitung der Vereinigung zur Erneuerung des Wallfahrtsortes Maria Hilf durch die Initiative des polnischen Priesters P. Wolfgang Globisch. In Fortführung dieser Tradition und in Zusam-menarbeit mit diesem Priester und seinen Mitarbeitern aus der früheren Vereinigung zur Erneuerung von Maria Hilf verfolgte und verfolgt P. Stanislav Lekavý den beschrittenen Weg auch weiterhin und fördert und vertieft dadurch in besonderem Maße die Stabilität und den Frieden in unserem Teil Europas.

Zur Realisierung der Friedensgedanken, zu ihrer Einführung in das praktische Leben ist immer auch Tapferkeit und ein gewisser Mut notwendig. Den hat P. Stanislav bewiesen, als sich in der Zeit der kommunistischen Totalität dunkle Wolken immer enger über den Leuten Gottes zusammenzogen. Da trat er in den Dienst der katholischen Kirche als ein im Geheimen geweihter Priester, was damals, wie allgemein bekannt, mit einem sehr hohen Sicherheitsrisiko verbunden war. Das bewiesen etliche Fälle von Morden an insgeheim geweihten Priestern in der damaligen Tschechoslowakei.

Frieden, Versöhnung auf jedweder Ebene sind nicht möglich ohne Verzeihen. P. Stanislav vergibt allen, die ihm während der totalitären kommunistischen Herrschaft irgendwelches Leid zugefügt haben, sei es die zweijährige Kerkerhaft im Jugendalter mit den Folgen gesundheitlicher Schäden, zahllose Verhöre bei der STB oder seien es viele weitere Existenzfragen im Laufe seines Lebens ...

So versuchte er mit seiner Lebenseinstellung dem Aufruf und  der Mahnung seines Herrn zu folgen, gegeben dem Apostel Paulus auf die Frage, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, wenn dieser sich gegen ihn vergangen habe: ?Höchstens siebenmal?? ? Darauf sagt Jesus: ?Ich sage dir, nicht höchstens siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!? ? Und an anderer Stelle: ?Höret ihr, es war gesagt: Liebe deine Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit sie Kinder ihres himmlischen Vaters werden, dessen Sonnenstrahlen auf die Bösen und auf die Guten scheinen und dessen Regen auf die Rechtschaffenen und Nichtrechtschaffenen fällt.? Und darin kann unserer bescheidener und demutsvoller Priester P. Stanislav Lekavý vielen als aufmunterndes Beispiel dienen. Das vergelte ihm der Herr im Himmel! Wir achten ihn hoch.

 

 

Eberhard Kemnitz

 

INTERESSE AN DER AUSSTELLUNG ÜBER KARL IV.

 

 

Unser Freundeskreis hat sich u.a. die Aufgabe gestellt, kulturelle Aktivitäten zu entfalten, möglichst zweisprachig, und über alte kulturelle und menschliche Gemeinsamkeiten zwischen unseren Völkern aufzuklären. Diesem Zweck dient unser schon an anderer Stelle erwähntes Gemeinschaftsprojekt mit den Städtischen Museen Tangermünde, die Wanderausstellung ?Karl IV. - Ein Kaiser an Elbe und Havel? in einer deutschen und einer tschechischen Variante (?Karel IV. v Braniborsku?) in der Übersetzung von Herrn Karel Šperl. Nachdem in den Jahren 2006 und 2007 mehr als 3000 Besucher die Gelegenheit hatten, die Ausstellung im Burgmuseum Tangermünde zu sehen (s. Heft 4/06 und Heft 3/07), wird sie nach vorläufigen Informationen an weiteren Orten zu sehen sein:

         Gedenkstätte Lidice ? 7.4. bis 9.6.2008 (deutsche und tschechische Fassung)

            Tschechisches Zentrum Berlin ? 17.4.-15.5.2008 (deutsche Fassung),

Eröffnung am 17.4.2008, 19.00 Uhr

            Museum Louny ? 16.6. oder 23.6. bis September 2008 (tschechische Fassung)

Über weitere Präsentationen gibt es erste Kontakte. Der INFORMATOR wird weiterhin berichten. Anfragen bitte an Bohumil Řeřicha oder Dr. Eberhard Kemnitz (Kontaktmöglichkeiten s. Impressum am Schluss des Heftes).

 

 

WIR BEDANKEN UNS

 

 

Auch wenn es bis jetzt nicht üblich war, sich öffentlich bei bestimmten Mitgliedern und Sympathisanten des Freundeskreises für Beiträge und Spenden zur Unterstützung des Kreises zu danken, möchten wir diesmal eine Ausnahme machen: Der Vorstand des Freundeskreises bedankt sich herzlich bei seinem Ehrenvorsitzenden, Herrn Ing. arch. Josef Hyzler, für seine großzügige Geldspende, die er dem INFORMATOR zugedacht hat.

In diesem Zusammenhang bedanken wir uns auch bei den deutschen Mitgliedern, die durch ihre Spenden Jahr für Jahr dazu beitragen, dass der Freundeskreis seine Aufgaben ? insbesondere die Herausgabe des INFORMATOR ? weiter erfüllen kann. Stellvertretend für alle nennen wir hier unseren Gründer und Ehrenvorsitzenden Dr. Walter Kotrba aus Erlangen, Herrn Dr. Raim aus Landsberg am Lech, Frau Trepl aus Berlin, Herrn Prof. Plattig, Erlangen, Frau Prof. Iggers, Göttingen und unser Ehrenmitglied Monsignore Sebastian Werner, Furth im Wald.  

Helmut Böttcher

 

 

 

KULTURGESCHICHTE

 

Jiří Prokop

 

BERNARD BOLZANO ? MATHEMATIKER UND PHILOSOPH

 

 

Die Welt kennt Bernard Bolzano vor allem als Mathematiker. Jeder, der höhere Mathe-matik studiert hat, erinnert sich bestimmt an die Bolzano-Cauchy-Bedingungen für die Konvergenz der Funktion und an den Satz von Bolzano-Weiherstrass, die Konvergenz der Sukzession betreffend. Bereits im Alter von 23 Jahren gab Bolzano die ?Betrachtungen über einige Gegenstände der Elementargeometrie? heraus. Sein bedeutendstes Werk, das nach seinem Tod erschien, hat den Titel ?Paradoxien des Unendlichen? und beeinflusste den Begründer der Mengenlehre Georg Cantor.

Uns interessiert hier mehr der Denker und Reformator Bolzano. Er wurde am 5. Oktober 1781 als eines von zwölf Kindern des italienischen Immigranten und Geschäftsmannes B. Bolzano und der Cecilie Maurer, der Tochter eines deutschen Prager Geschäftsmanns, in Prag geboren. Er besuchte eine deutsche Schule in Týn, dann das piaristische Gymnasium und anschließend einen dreijährigen philosophischen Kurs an der Universität. Die Eltern gewährten ihm ein Jahr Bedenkzeit für die Entscheidung, welchen Lebensweg er weiterhin wählen würde. Er nutzte diese Zeit zum Studium der Astronomie, Physik, Chemie und für einen Abschluss in höherer Mathematik bei Professor Gerstner. Danach entschied er sich für ein Theologiestudium. Von Beginn des Studiums an stand er im Zwiespalt zwischen den Geboten des Verstandes und denen des Glaubens, bis er zu der Überzeugung kam, dass das katholische Christentum nicht unbedingt eine göttliche Offenbarung ist, sondern eher eine historisch gewachsene moralisch-sittliche Lehre, die schon dadurch legitimiert ist, dass sie den Menschen veredelt.

Im Jahr 1805 wurde Bolzano zum Religionsprofessor an der philosophischen Fakultät berufen. Der Religionsunterricht war eine Novität, und die Studenten standen gegen die Einrichtung des Lehrstuhls im Widerstand. Sie waren schon im Geist der europäischen Aufklärung erzogen worden, und Begriffe wie Religiosität oder Glaube wurden von ihnen verspottet. Der Lehrstuhl war von dem bigotten Kaiser Franz I. gerade für den Kampf gegen den aufklärerischen Liberalismus eingerichtet worden, und insofern war es eine Ironie, dass an seiner Spitze gerade der Freidenker Bolzano stand; er wurde bei den Studenten, die schnell ihre anfänglicher Skepsis überwanden, sehr beliebt. Weniger angesehen war er beim kaiserlichen Hofkaplan und Autor des Pflichtlehrbuchs über Religion, Frint. Dieser verlangte, dass Bolzano in seiner Lehrtätigkeit den Text seines Buches respektieren sollte. Damals schritten noch die tschechischen Ämter, das Gubernium und das Prager erzbischöfliche Konsistorium, zugunsten von Bolzano ein. Nach den studentischen Unruhen im Jahr 1818 verstärkte sich der Druck gegen Bolzano. Die österreichischen Ämter beschuldigten ihn, mit seinen Gedanken die Jugend zu radikalisieren. Der persönliche Arzt des Herrschers, Stift, schrieb fleißig denunziatorische Meldungen: Es sei nötig, ihn sofort von seiner Stelle abzuziehen. Bolzano vertrete Grundsätze, welche die Ruhe des Staates bedrohten. Dieses Verhalten verdiene eine strenge Bestrafung. Der Kampf um Bolzano und um die Freiheit seines Denkens und seiner Vorlesungen fand seinen Höhepunkt im Jahr 1820 nach seiner Suspendierung von der Professur und nachdem ihm der Zugang zur Kanzel verboten worden war. Alle diese konservativen Kräfte bis hin zum päpstlichen Rom verbanden sich gegen ihn, der Wiener Nuntius hatte dorthin gemeldet: ?Das Chaos und die Schäden, die früher durch Hus in Böhmen angerichtet wurden, werden heute noch übertroffen vom Einfluss Bolzanos, der für seine neue und ungewöhnliche Art des Religionsunterrichts in ganz Böhmen berühmt ist; seine Schüler loben ihn und heben ihn in den Himmel.?

Bolzano engagierte sich in diesen Auseinandersetzungen nicht. Er ging zu seinen Freunden aufs Land und beschäftigte sich mit Mathematik. Andere kämpften für ihn: seine Studenten und der Prager Erzbischof. Auch František Ladislav Čelakovský und andere tschechische Nationalisten nahmen ihn in Schutz, obwohl Bolzano ihnen sehr oft  Kurz-sichtigkeit vorgeworfen hatte. Am entschiedensten verteidigte ihn Josef Dobrovský; nach seiner Stellungnahme endeten die Angriffe auf Bolzano. Allerdings wurde er vom offiziellen Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen, er blieb im südöstlichen Böhmen bei der Familie Josef Hoffmann. Er verfasste dort sein grundlegendes Werk über Logik und Methodologie der Wissenschaft, seine vierbändige ?Sprachwissenschaft?, sein utopisches Werk über den besten Staat und, wie bereits erwähnt, sein Buch über die unendlichen Paradoxien. Nach dem Tod von Annie Hoffmann kehrte er zu seinem Bruder Jan nach Prag zurück, wo er am 8. Dezember 1848 verstarb.

Uns bleibt, sich mit seinen Gedanken, die er explizit in seinen regelmäßigen Predigten in der Zeit seines Wirkens an der philosophischen Fakultät und in seinen publizierten Werken ausgedrückt hat, zu befassen. Die Hauptaufgabe der Ethik ist nach Bolzano die Formulierung des höchsten moralischen Gesetzes, des Grundaxioms, das alle anderen Wahrheiten auf diesem Gebiet begründet. Das moralische Grundgesetz ist für ihn das Gesetz der allgemeinen Glückseligkeit. Das Hauptmittel, mit dem man im Sinne des höchsten moralischen Gesetzes zum besseren Leben auf der Erde verhelfen kann, sind Aufklärung, Erziehung und Bildung. Mit dem Gedanken der Aufklärung ist bei Bolzano untrennbar der Gedanke des Fortschritts verbunden. Die Überzeugung vom dauerhaften Fortschritt der menschlichen Gattung stellt unbestritten eines der Grundelemente der Weltanschauung Bolzanos dar. Zum Axiom der Ethik und der Gesellschaftstheorie   Bolzanos gehört die Überzeugung von der Gleichheit aller Menschen. Er schreibt das historische Verdienst an der Bewahrung dieser Idee dem Christentum zu. Die These von der Gleichheit aller Menschen gehört nach Bolzano zu den Wahrheiten, die kaum jemand öffentlich zu bestreiten wagt, die aber selten in der Praxis respektiert werden. Die Ungleichheit zwischen den Menschen wird nicht nur geduldet und aus Gewohnheit akzeptiert, sie wurde sogar zum Gesetz erhoben. Bolzano lehnt eindeutig den Geburtsadel ab, ebenso die ererbten Vorteile des Standes und des Eigentums.

Auch wenn Bolzano als Mensch tief und wirklich gläubig war, fehlte seinem Glauben das Dogmatische. Zum Beispiel urteilt er über das Gebet, dass es auch in dem Fall, dass Gott keine Rücksicht auf menschliche Bitten nimmt, nützlich ist, weil er den Betenden Trost spendet. Glaube bedeutet, dass wir an etwas festhalten, weil es moralisch von Bedeutung ist, und nicht deswegen, weil es wahr ist. Die Heilige Schrift wird zwar offiziell als die Quelle der Erkenntnis angesehen, faktisch ist es aber nötig, damit wie mit einem Symbol des Erhabenen umzugehen. Auch wenn der Glaube an die Unsterblichkeit ein Irrtum sein sollte, ist dieser Irrtum wertvoller als die Wahrheit, weil diese dem Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Sein Buch über den besten Staat ist hier im Lande die erste Theorie eines utopischen Sozialismus. Bolzano ruft zwar nicht nach einer revolutionären Reform, er stützt jedoch seine Zukunftsvision auf die Vorstellung von einem autoritären Staat, in dem die Produktionsmittel dem Volke gehören. Das Eigentum kann nicht gehortet werden, weil der Staat der Universalerbe ist, er leitet die Verteilung der materiellen Güter.

Bolzano verurteilte ? und zwar mit Recht ? den romantischen Nationalismus der anderen, der Jungmannschen Erwecker-Generation, vor allem, wenn diese sich dem Chauvi-nismus näherten, indem sie alles Hiesige hervorhob und alles Fremde missachtete. Bolzano forderte zum Patriotismus auf, er wollte, dass alle Bewohner Böhmens eine Nation bilden, ohne Rücksicht darauf, welche Sprache gesprochen wird: ?Tschechen und Deutsche, ihr müsst eine Nation bilden, ihr könnt nur dann stark werden, wenn ihr euch freundschaftlich vereint. Ihr müsst euch als Brüder betrachten...?. Das haben damals weder die Tschechen noch die Deutschen befolgt. Die Bemühungen, den sprachlichen Aspekt zu unterdrücken, hatten im 19. Jahrhundert keine Chance auf Erfolg. Der Sprachkult war keine spezifisch tschechische Erscheinung, er beherrschte ganz Europa. Seine philosophische Grundlage waren die Gedanken des deutschen Philosophen und Kant-Schülers Johann Gottfried Herder. Herder wurde der geistige Vater des sich durch die Sprache definierten Nationalismus: ?Die Sprache verbindet die Menschen zur Nation.? Ein weiterer Befürworter dieser Ansicht war der deutsche Historiker Wilhelm von Humboldt: ?Die eigentliche Heimat ist die Sprache.?

Der bedeutendste Kritiker von Bolzanos Patriotismus war Josef Jungmann (er verun-glimpfte ihn sogar als Feind der tschechischen Nation). So dachten auch andere, von denen aber eine ganze Reihe zu seinen Verteidigern gehörte, als Bolzano von den österreichischen Ämtern schikaniert wurde. Jungmanns Fehler war, dass er nicht richtig einschätzen konnte, wie sehr Bolzano in seiner Betrachtung  ?Über das Verhältnis beider Nationen in Böhmen? seine Bemühungen  unterstützt hat; im Jahre 1816 schrieb er:         ?... dass die Erinnerung an das Unrecht und an die Ungerechtigkeit, die den Urvätern angetan wurden, auch bei den Enkeln erhalten geblieben ist; das ist verständlich und zwar umso mehr, wenn die Folgen weiterhin andauern, und erst recht, wenn zu dem alten Unrecht weiterhin neues Unrecht hinzukommt. Und das geschieht wirklich. Ist es nicht so, dass die Deutschen und wer mit ihnen im Bunde ist, in tausenden sehr wichtigen Dingen Vorrang erhalten? Werden bei uns nicht alle höheren Wissenschaften in deutscher Sprache vorgetragen? Wurde nicht die deutsche Sprache als Amtssprache deklariert, in der alle öffentlichen Angelegenheiten abgehandelt werden? Ist das für einen Teil der Bevölkerung nicht unangemessen, zumal die Sache selbst schon einen Vorwurf verdiente? Trifft das nicht einen Teil der Bevölkerung hart, dass er so ins Abseits gestellt wird?... Lebt nicht der tschechisch sprechende Teil der Menschen in einem erbärmlichen Zustand der Knechtschaft?? Leider hat auch dies kein positives Echo gefunden... ?Die Tschechen und die Deutschen betrachtete er als zwei Zweige einer Nation, die durch die Zugehörigkeit zum Land Böhmen verbunden sind. Auch deshalb war er Ziel der Attacken der tschechischen Nationalisten und Slawisten, die sich um Josef Jungmann geschart hatten.?

In der Betrachtung ?Über das Verhältnis beider Nationalitäten in Böhmen? aus dem Jahr 1816 schrieb Bolzano:

?Jeder Tscheche aus unserer Mitte sollte bei jeder sich bietenden Gelegenheit einem Deutschen guten Willen und Liebe bezeugen, jeder Deutsche sollte sich einem Tschechen gegenüber genauso verhalten. Ich bin überzeugt: Würde sich nur ein kleines Häuflein der hier Anwesenden nach dieser Regel richten, würde sich jeder  Augenblick lohnen ? früher als innerhalb von zwei Jahrzehnten würde jeglicher Hass zwischen den beiden Nationalitäten unserer Heimat verlöschen und verschwinden!? Sein Appell wurde leider bis heute nicht erhört.

Quellen:

Streifzüge durch die tschechische Vergangenheit, 6. Band, Prag 1997

Wiedergeburt der Nation, Zeugnisse und Dokumente, Prag 1979

Kollektiv: Die Geschichte der Länder der tschechischen Krone II, 1993, S. 79

Übertragung: B?la und Helmut Böttcher

 

 

REZENSIONEN

 

 

Václav Havel blickt zurück

 

 

Im vergangenen Jahr 2007 erschien Václav Havels Erinnerungsband ?Fassen Sie sich bitte kurz? auch in deutscher Sprache. (Die tschechische Fassung ?Prosím stručně: Roshovor s Karlem Hvížďalou, poznámy, dokumenty? war schon 2006 im Verlag Gallery in Prag erschienen.)

                              

Havel stellt die zahlreichen, zum Teil sehr persönlichen Fragen des Journalisten Karel Hvížďala und seine meist ausführlichen und sehr offenen Antworten in den Mittelpunkt. Wie in einer Collage kombiniert er sie mit tagebuchartigen Berichten und Anmerkungen sowie mit Bemerkungen und Anweisungen, die er während seiner Amtszeit als tschecho-slowakischer und tschechischer Präsident für seine Mitarbeiter verfasst hat. Sie sind datiert, aber nicht chronologisch geordnet. Immer wieder werden Aufzeichnungen eingeschoben, die während eines längeren Aufenthaltes 2005 in Washington entstanden sind. Dass einzelne Bemerkungen zu banalen, alltäglichen Sachverhalten nicht nur in das Buch aufgenommen, sondern  mehrfach wiederholt werden, mutet zunächst wie ein Fehler an, muss aber als Gestaltungsmittel des Autors gesehen werden.

Das Buch gibt auf vielfältige Weise Auskunft über den Menschen, den Schriftsteller und den Politiker Havel aus seiner eigenen und durchaus selbstkritischen Sicht. Er scheut sich nicht, immer wieder seine eigenen Schwächen offen zu legen, verteidigt sich aber auch energisch gegen zahlreiche gegen ihn gerichtete Vorwürfe und Kampagnen. Über bestimmte Erscheinungen im politischen Klima der Tschechischen Republik fällt er ein kritisches, beinahe vernichtendes Urteil. Von besonderem Interesse sind seine Äußerungen über sein sehr unterschiedliches Verhältnis zu zahlreichen tschecho-slowakischen und tschechischen Politikern. Der Leser erfährt auch von enger Freundschaft, besonders zu ausländischen Politikern wie Richard von Weizsäcker, Hillary und Bill Clinton sowie Madeleine Albright und anderen.

Auch sein Wirken für die deutsch-tschechische Aussöhnung bleibt nicht unerwähnt, was in unserem Freundeskreis auf besonders Interesse stoßen dürfte. Aus einem Brief an den deutschen Bundespräsidenten Herzog vom Januar 1995 erfährt der Leser von den Vorbereitungen auf die bekannte Rede an der Karlsuniversität vom 17.2.1995 zu den deutsch-tschechischen Beziehungen, von den Absichten, die Havel verfolgte und von seiner kritischen Haltung zu den ?sich steigernden und immer lauteren Forderungen? der Sudetendeutschen Landsmannschaft. An anderer Stelle bedauert der Autor, durch ?Pseudoprobleme? von der ?historischen Aufgabe des Ausgleichs der tschechisch-deutschen Beziehungen? abgehalten zu werden. Er erwähnt mehrfach die in der deutschen Öffentlichkeit unbekannte Tatsache, dass es 1991 von tschechoslowakischer Seite eine ?sehr mutige, auf teilweise Wiedergutmachung? der Vertreibungsfolgen gerichtete Initiative gegeben hat, auf die Kanzler Kohl oder andere deutsche Politiker niemals reagiert haben. Nachdem in der Öffentlichkeit immer wieder von einer ?Entschuldigung? Václav Havels gegenüber den Sudetendeutschen zu Beginn seiner Amtszeit als tschechoslowakischer Präsident die Rede war, was anfangs zu heftigen Reaktionen in der tschechischen Bevölkerung führte, stellt er überraschend klar, dass es von seiner Seite niemals eine Entschuldigung gegeben hat.  Ein sehr lesenswertes Buch.

Václav Havel:  Fassen Sie sich bitte kurz     Gedanken und Erinnerungen

    Rowohlt Verlag GmbH  Reinbek bei Hamburg  2007  416 S.    

    ISBN 978 3 498 02990 6   19,90 ? 

E. Kemnitz

 

 

Das Leben ist zum Verrücktwerden schön

 

Tschechische Geschichte im Spiegel der Literatur

 

 

Adalbert Stifter zu lesen, ist für viele eine anstrengende Sache. Seine Texte zu hören, beispielsweise während einer längeren Reise im Auto, und sich bei dieser Gelegenheit von der literarischen Qualität Stifters zu überzeugen, ist dagegen ein empfehlenswertes Vergnügen. Das neue Hörbuch des Regensburger Literaturwissenschaftlers Arthur Schnabl ?Das Leben ist zum Verrücktwerden schön? liefert mit einem Ausschnitt aus Stifters ?Witiko? den Beweis. ?Böhmische Geschichte literarisch? ist der Untertitel der Anthologie. Sie bringt dem Hörer einerseits die tschechische Geschichte ? natürlich in Kurzfassung ? in Erinnerung, beginnend mit den Přemysliden und bis hin zur Gegenwart. Und andererseits werden dazu passende Ausschnitte aus Werken böhmischer Schriftsteller ? egal, ob deutsch oder tschechisch schreibend ? zu Gehör gebracht. Nach Stifter wird Alois Jirásek, in Tschechien ungleich besser bekannt als Stifter und noch heute als kompetenter Interpret der tschechischen Geschichte verehrt, gelesen; er beschreibt in seinem Roman ?Wider alle Welt? den wütenden Kampf der Taboriten gegen Adel und Kirche. Nach Leo Perutz (?Nachts unter der steinernen Brücke?), der heute wieder neu entdeckt wird, folgt ein Ausschnitt aus dem Werk Jaroslav Durychs. Natürlich dürfen in einer solchen Anthologie die wirklich großen tschechischen Schriftsteller Jan Neruda und Jaroslav Hašek nicht fehlen, ebenso wenig wie Bohumil Hrabal. Ein ergreifender, von tiefer Trauer überschatteter Text von Milena Jesenská, die 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück starb, endet mit den Worten: ?Die große Illusion: Werden wir wirklich einmal nebeneinander leben, werden wirklich einmal die Grenzen fallen, wie schön wäre es, das zu erleben.? Auch Johannes Urzidil (?Ein letzter Dienst?), dem die Flucht ins lebensrettende Exil gelang, stellt eindringlich die Zeit des Protektorats in den Mittelpunkt. Eva Demski, eine deutsche Erzählerin, beschreibt das schwere Schicksal der Vertriebenen in Bayern, die damals nicht ? wie heute üblich - lobend als der 4. bayerische Stamm bezeichnet werden, sondern als lästige Flüchtlinge, als ?Sudetengauner?. Jan Skácel, ein Mähre, zieht voller Ironie gegen die russische Besetzung zu Felde, die 1968 die Blütenträume eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz zerstörte. Libuše Moniková, die deutsch schreibende, viel zu früh verstorbene tschechische Schriftstellerin, hat dasselbe Thema, und Jáchym Topol, der wohl bedeutendste gegenwärtige Schriftsteller Tschechiens, lässt die Flucht der DDR-Deutschen auf das BRD-Botschaftsgelände von zwei Prager Halbstarken kommentieren ? auch dieser Ausschnitt, der die Tragik der Ereignisse durch betont lapidare Anmerkungen erst richtig erkennbar macht, ist Literatur vom Feinsten.

Arthur Schnabl (Hrsg.): Das Lebens ist zum Verrücktwerden schön

         Böhmische Geschichte literarisch

         Lohrbär Verlag Regensburg , 3 CDs, 19,90 ? 

Helmut Böttcher

 

 

Über Hemmnisse einer Verständigung

 

Mit Hemmnissen für eine Verständigung Deutschlands mit  seinen östlichen Nachbarn beschäftigt sich eine neue Veröffentlichung des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt. Nach mehreren philosophischen Betrachtungen zum Thema beleuchten zahlreiche Autoren aus historischer und aktueller Sicht die deutsch-polnischen Beziehungen, insbesondere deren Hemmnisse und die Feindbilder  auf der polnischen Seite. Zum Vergleich werden ausführliche ?Seitenblicke? auf die deutsch-niederländischen und die deutsch-tschechischen Beziehungen geworfen. Letztere sind in unserem Kreis von besonderem Interesse, nehmen allerdings nur einen geringen Teil des Buches ein.

Dieter Bingen, Peter Oliver Loew und Kazimierz Wóycicki (Hrsg.):

Die Destruktion des Dialogs

Zur innenpolitschen Instrumentalisierung negativer Fremd- und Feindbilder ?

Polen, Tschechien und die Niederlande im Vergleich 1900-2005

Band 24 der Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt

Harrassowitz-Verlag Wiesbaden 2007   ISBN 978-3-447-05488-1   Preis 24,00 ?

E. Kemnitz

 


RÜCKBLICKE

 

                          

 

                          Jahreszeiten der Natur haben sowenig

                                                                           eine Stunde Null wie die Zeitfolgen

der Geschichte.

Beider Zukunft ist schon in der Vergangenheit enthalten.

Niemand entgeht diesem Zusammenhang.

Deshalb erinnern wir uns.

Ein Geschichtsverständnis     &