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Der Ausflug

ERINNERUNGEN

 

Günter Schreiber

 

DER AUSFLUG*

 

 

Es war im Winter des Jahres 1945 in einem Dorf bei Prag, als wir, die deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, an einem Sonntagmorgen zusammengetrieben wurden. Angehörige der Revolutionsgarden aber auch des SNB, also der tschechischen Nachkriegspolizei, jagten uns in die Dorfmitte. Dort stand bereits ein Lastkraftwagen bereit, offenbar aus amerikanischen Armeebeständen, auf den wir aufzusteigen hatten. Dichtgedrängt standen wir nun und wussten nicht, was mit uns passieren würde. Die Plane wurde zugezogen, sodass wir nicht ermitteln konnten, wo man uns hinbrachte. Außer groben Worten sagte uns niemand, was man mit uns etwa 25 Leuten vorhatte. Später war ich mir aber sicher, dass diese Aktion von Staats wegen angeordnet wurde.

Nach etwa einer halben Stunde hielt der LKW plötzlich und wir wurden aufgefordert, abzusteigen. Was hatte das zu bedeuten? Wir standen inmitten eines mit hohen Mauern und Gebäuden umgebenen Hofes. Die hohen Gebäude hatten allesamt vergitterte Fenster. Also konnte es sich nur um eine Haftanstalt handeln! Einige Männer in blauen Uniformen standen bereit. Sie waren allesamt bis an die Zähne bewaffnet. Was, um Gottes Willen, hatte das zu bedeuten, was hatte man mit uns vor? Einer dieser Leute trug an der Mütze eine Art Silberkordel. Er brüllte einen Befehl, den ich nicht verstand. Er hatte offensichtlich befohlen, in welche Richtung wir zu laufen hatten, denn meine Landsleute reagierten und liefen auf ein großen Tor zu. Von dort führten Stufen in den Untergrund. Nach einem längeren Marsch durch einen langen Gang standen wir dann erneut vor einer Tür, welche von einem der Beamten geöffnet wurde, sobald sich die Kolonne gesammelt hatte. Von dort führten weitere Gänge durch ein typisches Amtsgebäude. Dann wurde erneut Halt gemacht.

Einer der Uniformierten öffnete dann die Tür zu einem Raum, welcher mir als eine Art Schlachthaus vorkam. Nach einer kurzen Pause des Sammelns, erschien ein weiterer Beamter, sicher ein höherer Dienstgrad, und sagte mit schneidender Stimme:  ?Das waren eure Stammesgenossen!? Was meinte er damit, was hatte das zu bedeuten? Mit meinen 17 Jahren konnte ich ganz einfach nicht sofort erfassen, worum es hier ging.  Alles  war für mich so aufregend und verwirrend. Dann stellte es sich heraus, das wir uns in der Hinrichtungsstätte der Gestapo, der deutschen Geheimen Staatspolizei, befanden, denn  In der Mitte des Raumes stand das Fallbeil. An den Seiten des Raumes waren Tische mit Namenslisten aufgestellt. Die Listen waren sehr lang. Offenbar waren hier viele unschuldige Menschen hingerichtet worden.

Dieses Erlebnis konnte ich bis heute nicht vergessen. Es hat mit dazu beigetragen, das von tschechischer Seite selbst erlittene Unrecht mit anderen Augen zu sehen.

 

* Günter Schreiber wurde als Jugendlicher noch im Frühjahr 1945 zur deutschen     Wehrmacht eingezogen. Er lebte vom Kriegsende bis 1950 in der Tschechoslowakei, die meiste Zeit als Kriegsgefangener. Er hat seine Erlebnisse in den Heften 3/00 bis 2/01 des INFORMATOR ausführlich geschildert.