Goethe und seine Reisen
Helmut Böttcher
GOETHE UND SEINE REISEN INS BÖHMISCHE BÄDERDREIECK (I)
Als Goethe 1785 das erste Mal nach Böhmen aufbrach, ahnte er selbst noch nicht, wie oft ihn die Kutsche in der Folge noch nach Karlsbad, später auch nach Franzensbad, Marienbad und Teplice bringen sollte. Zum zweiten Mal reiste er 1786 dorthin, kurz vor seinem 36. Geburtstag: Der Aufenthalt in Karlsbad war als Ouvertüre für seinen fluchtartigen Aufbruch nach Italien gedacht. Goethe war in eine Schaffens- und Lebenskrise geraten, eine Art midlife crisis. Einerseits hatte er alles erreicht, was zu seinem Glück und zu seiner Zufriedenheit gehörte: Als Dichter war er weithin anerkannt, die intellektuelle deutschsprachige Welt verehrte ihn und sein Werk, vor allem die Generation der jungen Romantiker lag ihm zu Füßen. Er war Minister am Hof zu Weimar und dazu Geheimer Rat, und seine Liebe zu Charlotte von Stein blieb nicht unerwidert. Trotzdem war er unzufrieden mit sich und der Welt, und grundlegend neue Eindrücke sollten ihm neue Schaffenskraft und neuen Lebensmut zurück geben. Dass das mit seiner Italienreise gelang, ist bekannt. Goethe kehrte nach zwei Jahren gestärkt und selbstsicher nach Weimar zurück, löste die enge Verbindung zu Frau von Stein und widmete sich mit neuem Elan seinem dichterischen Werk.
Bevor er im Spätsommer 1786 nach Süden aufbrach, verbrachte er in Karlsbad wie schon im Jahr zuvor eine angenehme Zeit. Auf Freunde und bekannte Gesichter musste er nicht verzichten: 1785 und im Folgejahr war Frau von Stein zur gleichen Zeit wie Goethe in Karlsbad (er war 1785 wegen ihr nach Karlsbad gereist), auch der Weimarer Herzog Karl August und Herder folgten nach. Goethe wohnte 1786 im Hotel ?Drei rote Rosen?, sein Herzog in der ?Schönen Königin?. Der Kuraufenthalt diente weniger der Pflege der Gesundheit ? immerhin trank man täglich 20 bis 30 Becher des warmen Heilwassers, Goethe nahm auch Bäder ? als fröhliche Unterhaltung gemeinsam mit den Freunden aus Weimar und anderen adligen Persönlichkeiten aus ganz Europa, meist aristokratischen Besuchern aus Polen und Russland. Goethe tanzte im ?Sächsischen? und ?Böhmischen Saal?, die beide an der Stelle des heutigen Hotels Pupp standen, er trank Wein unter anderem aus M?lník (Bier und Schnaps verabscheute er ebenso wie das Rauchen), und er war gut aufgelegt. Trotzdem fand er Zeit, sich mit geologischen und mineralogischen Eigenheiten der Umgebung zu beschäftigen; 1786 schloss er Bekanntschaft mit dem Geologen von Racknitz und dem Steinschleifer Müller, zu dem er auch in den Folgejahren engen Kontakt hielt.
Am 3. September 1786 verließ Goethe um 3.00 Uhr morgens heimlich sein Hotel, um unter falschem Namen ? Philipp Möller, Kaufmann aus Leipzig ? über München und Tirol nach Italien zu reisen. Erst Jahre später stand erneut Böhmen auf dem Reiseplan. 1791 war auch Schiller, von Goethes begeisterten Berichten animiert, nach Karlsbad gereist, wo er sich erfolgreich einer Kur unterzog und tatsächlich von Asthma-Anfällen und Magenbeschwerden geheilt wurde. Er besuchte auch Prag, das Goethe nie kennen gelernt hatte, aber er war, im Gegensatz zu Goethe, nicht begeistert von Böhmen. In den ?Xenien? schrieb er später: ?Seltsames Land, hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen, / An den Bewohnern allein hab ich noch keinen bemerkt.?
Immer wieder lernte Goethe auch interessante Frauen kennen. Befreundet war er mit Marianne von Eybenberg, ebenso mit der gut aussehenden dänischen Schriftstellerin Friederike Brun, mit der er sich seit 1795 regelmäßig traf. Offensichtlich machte er gern ?Äugelchen?, wie er Christiane Vulpius gegenüber sein Flirten verharmloste.
Zum viertenmal kam Goethe 1806 erneut und für dreieinhalb Monate nach Karlsbad. Er reiste über Aš (das er als den ?abscheulichsten Ort der ganzen Christenheit? bezeichnete) und wohnte erstmals und - dann noch weitere achtmal - in der zweiten Etage des Hotels ?Drei Mohren?. Zum erstenmal sah er in diesem Jahr, 1806, die damals siebzehnjährige Ulrike von Levetzow. Wie immer, wenn ein neuer Kurgast nach Karlsbad kam und wie auch schon in den Jahren zuvor, wurde er durch eine musikalische Trompetenfanfare des Stadttürmers begrüßt, und auch sonst verhielt er sich wie jeder andere Kurgast, er kaufte Porzellan, ein Teeservice, Glas und Juwelen und war elegant und modisch gekleidet, auf seinen Spaziergängen trug er, wie Johann Urzidil in seiner grundlegenden Biographie ?Goethe in Böhmen? anschaulich beschreibt, einen schwarzen Frack, eine dunkle Hose, eine feine weiße oder seidenschwarze Weste mit Halstuch und Überrock. Nicht umsonst sorgte sich Christiane Vulpius im fernen Weimar, ob sein vornehmes Auftreten nicht auch dazu dienen sollte, weibliche Bekanntschaften zu machen.
Und trotzdem war er kein Müßiggänger, er betrieb weiter seine geologischen Forschungen und interessierte sich stark für die Umgebung der Kurbäder; als Fazit erschien 1806 in Franzensbad sein Aufsatz ?Sammlung zu Kenntnis der Gebirge von und um Karlsbad angezeigt und erläutert von Goethe?. Er schrieb am ?Wilhelm Meister?, vollendete das ?Märchen von der Melusine? und widmete sich der Arbeit an mehreren Novellen.
1808 verbrachte er erneut ein paar Monate in Karlsbad ? und interessierte sich hier stark für die jugendliche Silvia von Ziegesar, die 23-jährige Tochter eines Sachsen-Altenburgischen Ministers. Er widmete ihr drei Gedichte und folgte ihr für 14 Tage ins mondäne Franzensbad. Schon damals, Goethe war immerhin schon 59 Jahre alt, erregte seine Verliebtheit allgemeine Aufmerksamkeit (Silvia heiratete später einen Professor, der sinniger Weise den Namen Koethe trug).
Nach seiner Abfahrt aus Karlsbad lernte Goethe im denkwürdigen Jahr 1808 Napoleon kennen, beide waren voneinander begeistert, und Napoleon sagte über Goethe: ?Voil? un homme!? Erst 1810 ging es erneut ins Böhmische, diesmal verbrachte Goethe seine Zeit abwechselnd in Karlsbad und in Teplice. 1809 war der Sprudel in Karlsbad explodiert, die alte Schlossbrunnquelle, die Goethe bevorzugt hatte, war versiegt. Er traf hier zunächst auf Bernard Bolzano (?Beiträge zu einer begründeten Darstellung der Mathematik?), den Religionswissenschaftler und Philosophen aus Prag. Der Kontakt ging allerdings übers Unverbindliche nicht hinaus, zumal Bolzano ein Verehrer Schillers war.
Im Juni 1810 kam die junge Kaiserin Maria Ludovica, Frau des österreichischen Kaisers Franz I., nach Karlsbad, eine gebildete Monarchin, die von Goethe, der sich sofort zum Hofpoeten berufen fühlte, sehr verehrt wurde; er schrieb sein Gedicht ?Der Kaiserin Ankunft? und weitere Gedichte von ambivalenter Qualität. Im Gefolge der Kaiserin kamen die Fürsten Liechtenstein, Kinsky und viele andere Figuren des Hochadels nach Karlsbad. Goethe lernte sie alle kennen. 1810 stieß Goethe in Teplice erneut auf Frau von Brösigke und ihre Familie, darunter Ulrike von Levetzow, ihre Tochter aus erster Ehe. Auch Fichte und Gentz, Seume, Zelter, Frau von Eybenberg und die quirrlige Bettina Brentano hielten sich in Teplice auf. Auf Bettina, die ihn, eine seltene Auszeichnung, mit Du anreden durfte, warf Goethe damals noch seine ?Äugelchen?, später sollte er jedoch sie und ihren Gatten Achim von Arnim als ?Tollhäusler? bezeichnen.
Goethe fuhr nun fast Jahr für Jahr ins Bäderdreieck. 1811 begleitete ihn auch Christiane Vulpius, Goethes ?dickere Hälfte?, wie sie Schillers Frau Charlotte nannte. 1812 reiste er nach Teplice weiter, wo er im ?Goldenen Schiff? wohnte und wieder Bekannte traf: Clemens Brentano, Achim von Arnim, Varnhagen und Beethoven kurten in Teplice, auch die Kaiserin Maria Ludovica und Herzog Karl August hielten sich hier auf. Die Kontakte zu Beethoven gingen über das Gefühl gegenseitigen Respekts nicht hinaus, wie Goethe überhaupt in Fragen der Musik nicht unbedingt kompetent war ? so sehr er alle anderen Künste zu schätzen und zu beurteilen wusste. Auch Beethoven urteilte zurückhaltend, er kritisierte in einem Brief, dass Goethe die ?Hofluft viel mehr als einem Dichter ziemt? behagte. Die dazu passende Geschichte erzählte später Bettina Brentano (die allerdings dazu neigte, Fantasie und Wahrheit zu vermischen): Goethe und Beethoven trafen auf einem gemeinsamen Spaziergang die Hofgesellschaft der Maria Ludovica, und während Beethoven stolz erhobenen Hauptes weiterging, zog Goethe unter Verbeugungen seinen Hut...
(Fortsetzung in Heft 4)
