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Informator 1/10

II. DEUTSCHER TEIL

 

 

 

 

Dank an Ing. Miloslav Váchal    
INFORMATIONEN                        Jahreshauptversammlung und Frühjahrstreffen des Freundeskreises 2010

                                               Architekt Hyzler ist Ehrenbürger

                                               Jiří Prager verlässt den Vorstand

                                               20 Jahre Begegnung mit Böhmen

                                               Das Diktat der Erika Steinbach

                                               Sehnsucht nach der guten alten (Nazi-)Zeit                                   

REZENSION                              Alles über Johann Evangelist Purkinje
DOKUMENTATION        Einige Fakten zum Bund der Vertriebenen (BdV)

                                               Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung

RÜCKBLICKE                    Bayern und Böhmen (II)

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehr geehrte Mitglieder und Freunde,

=ab sofort gilt für die deutsche Seite des Freundeskreises eine neue

    Bankverbindung:

    VR-Bank Fichtelgebirge, BLZ: 78160069, Konto-Nummer: 3382087.

    =Redaktionsschluss für das Heft 2/10 ist der 15.05.2010.    

     Važéní přátele,

    =n?mecká strana Kruhu přátel má nové bankovní spojení:

        VR-Bank Fichtelgebirge, číslo účtu: 3382087, bankovní směrovací

        číslo: 78160069.

      =Redakční uzávěrka pro INFORMATOR 2/10 je 15.05.2010.

 

 

 

 

 

 

 

DANK AN ING. MILOSLAV VÁCHAL

 

 

 

Dreizehn Jahre lang war Herr Váchal Geschäftsführer des tschechischen Teils unseres Freundeskreises. Daneben arbeitete er neben Dr. Kemnitz als Redakteur für den INFORMATOR. Aus gesundheitlichen Gründen muss er nun ? zu unserem großen Bedauern ? diese Funktionen aufgeben. Zu hoffen bleibt, dass er auch weiterhin, wenn auch vorwiegend passiv, an unseren Aktivitäten teilnehmen kann.

Herr Váchal war der stabilisierende Faktor des Freundeskreises ? während die Vorsitzenden wechselten, hielt er unbeirrt die Stellung. Auf ihn war Verlass: Wenn er etwas zusagte, wusste man, dass er es auch umsetzte. Ihm gelang es, ohne dass er darüber  große Worte verlor, staatliche Unterstützungen für den INFORMATOR zu bekommen, und er sorgte nicht nur für den redaktionellen Inhalt und die notwendigen Übersetzungen ins Tschechische, sondern auch für preiswerten Druck und Versand. Die Kasse der tschechischen Seite des Freundeskreises verwaltete er absolut korrekt und immer darauf bedacht, die Mittel zusammenzuhalten. Sparsamkeit war auch seine Devise, wenn er das alljährliche Herbsttreffen des Freundeskreises organisierte.

Ich selbst hatte die eine oder andere Meinungsverschiedenheit mit ihm ? dabei ging es um die unterschiedliche Gewichtung der Rolle der Sudetendeutschen Landsmannschaften, die er meiner Meinung nach zu positiv beurteilte. Aber diese politischen Diskurse wirkten sich niemals negativ auf unsere Zusammenarbeit aus. Die Toleranz, zu der uns die Satzung des Freundeskreises verpflichtet, bestimmte unser gemeinsames Handeln. Insofern werde ich Herrn Váchal ganz besonders vermissen.

Wie es weitergeht, wissen wir nur zum Teil. Die Redaktions- und logistische Arbeit am INFORMATOR wird, neben Herrn Dr. Kemnitz,  Herr Alois Hartl, übernehmen, wer sich die Geschäftsführung zumuten wird, ist noch ungeklärt. Leicht wird es für niemanden werden, das Amt mit ähnlicher Effizienz wie Herr Váchal zu verwalten.

Im Namen des gesamten Freundeskreises spreche ich Herrn Miloslav Váchal unseren herzlichen Dank für seine langjährige Arbeit aus.

 

Helmut Böttcher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

INFORMATIONEN

 

JAHRESHAUPTVERSAMMLUNG UND

FRÜHJAHRSTREFFEN 2010

 

Wo?              Hotel Merlin, Otakarova 3, 140 00 Praha 4

Wann?          Samstag, 17.04.10   Beginn: 14:00 Uhr

          Sonntag, 18.04.10     Ende: gegen 14:00 Uhr

Programm

Samstag      14:00 ? 15:30             Jahresbericht, Vorstandwahl

15:30 ? 17:00             Dr. Gerda Plattig, Vortrag: Zwischen Faszination und Angst: Die Begegnung mit dem Fremden (Deutsch/Tschechisch)

17:00 ? 17:30             Dr. Otter, Referat

17:30 ? 18:00             Sonstiges

18:30 -                         Abendessen Koliba U pastýřky, B?lehradská 15

(2 min. vom Hotel)

Sonntag         08:00 ? 09:00           Frühstück

                        09:30 ? 10:30           Stadtrundfahrt mit historischer Straßenbahn

                      10:30 ? 11:45 Erinnerungen an das Kriegsende 1945

                      12:00 ? 13:30 Mittagessen U Bansethů, Táborská 49, Praha-

                                                           Nusle

Kosten           Pro Teilnehmer 25 ? oder 500 Kč: Übernachtung im Doppelzimmer       Einzelzimmerzuschlag 5 ? oder 100 Kč (nur begrenzte Anzahl). Preis ohne Übernachtung: 200 Kč / 10 ?

Züge              Sa: ab Würzburg 07:35, ab Nürnberg 08:45 (Praha an 12:30), ab Plzeň 11:10 (Praha an 12:58) / So: ab Praha 15:04 (Plzeň an 16:50), ab Praha 15:30 (Nürnberg an 19:15, Würzburg an 20:25)

Rückfragen    Tel. oder mail ? Helmut Böttcher, Tel. 00420-241 408 435    h.boettcher@seznam.cz

Wir wünschen eine angenehme Anreise und einen schönen Aufenthalt in Prag.

 

Helmut Böttcher

 

                                              

ARCHITEKT HYZLER IST EHRENBÜRGER

 

Die Prager Zeitung  MLADÁ FRONTA DNES meldete am 1. Februar 2010:

                                     

Prag 1 verlieh dem Architekten Hyzler (87) die Ehrenbürgerschaft. Die Vertreter des ersten Stadtbezirks entschieden letzte Woche, diese Auszeichnung dem langjährigen  Vorsitzenden des Klubs für das alte Prag zu gewähren. Der Architekt, der auf der Kleinseite wohnt, beteiligte ich beispielsweise an der Rekonstruktion des Klosters der Heiligen Agnes von Böhmen in (dem Prager Stadtviertel) Josefov und der Kirche des Heiligen Laurentius auf der (Prager) Kleinseite.

Der Freundeskreis gratuliert seinem Ehrenvorsitzenden von ganzem Herzen.

Helmut Böttcher

20 JAHRE BEGEGNUNG MIT BÖHMEN

 

?Begegnung mit Böhmen?, das mehrfach ausgezeichnete Projekt für Reisen in die Tschechische Republik, wird in diesem Jahr  20 Jahre alt. Der deutsche Vorsitzende unseres Freundeskreises, Herr Helmut Böttcher, hat an Herrn Dr. Aschenbrenner, den Initiator und Leiter, ein Grußwort übermittelt:

 

Lieber Herr Dr. Aschenbrenner,

 

als der Freundeskreis Sie für Ihre verdienstvolle Arbeit mit dem Goldenen Herz für Europa auszeichnete, wollte er damit auch betonen, dass der richtige Weg, die deutschen und die tschechischen Menschen wieder zu versőhnen, der Weg der direkten Begegnung ist. Ihr 20 Jahre altes Konzept hat sich mehr als alle noch so gut gemeinten Reden hervorragend bewährt, und dazu gratulieren wir Ihnen von ganzem Herzen. Bitte setzen Sie Ihre Aktivitäten noch lange fort, auch in Verbundenheit mit unserem Freundeskreis.

Mit den besten Grüßen

Helmut Böttcher

Vorsitzender des Freundeskreises

deutsch-tschechischer Verständigung

Geschäftsführer der Union für gute Nachbarschaft

der deutsch und tschechisch sprechenden Länder

 

JIŘÍ PRAGER VERLÄSST DEN VORSTAND
 

Mit sofortiger Wirkung ist auch Mgr. Jiří Prager, unser Freund aus Furth im Wald, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Vorstand des Freundeskreises ausgeschieden. Er wird, wie er uns mitteilt, trotzdem und soweit es seine Kräfte zulassen, auch in Zukunft an den Aktivitäten des Kreises teilnehmen. Der Vorstand bedankt sich ausdrücklich für die langjährige Mitarbeit Herrn Pragers und wünscht ihm ? vor allem in bezug auf seine Gesundheit ? alles Gute.

Helmut Böttcher

 

Eberhard Kemnitz

 

DAS DIKTAT DER ERIKA STEINBACH

 

 

.Der endlos scheinende Streit um die Mitwirkung von Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen (BdV), im Rat der staatlichen Stiftung ?Flucht, Vertreibung, Versöhnung? scheint am 11. Februar d.J. ein Ende gefunden zu haben. Man kann allerdings sicher sein, dass Frau Steinbach in den deutschen und ausländischen Medien bald wieder Schlagzeilen machen wird, nicht umsonst wurde sie kürzlich als ?Mensch gewordener Zankapfel? bezeichnet (Nicole Dieckmann, tagesschau.de, 27.11.2009).

Die ganze Vorgeschichte neu aufzurollen ist an dieser Stelle nicht möglich. Kurz zur Erinnerung: Auf Initiative von Frau Steinbach wurde 2002 eine private Stiftung gegründet mit dem Ziel, ein ?Zentrum gegen Vertreibungen? als ?sichtbares Zeichen? zu schaffen. Das löste scharfe Proteste in den östlichen Nachbarländern, besonders in Polen, in der Tschechischen Republik und in Teilen der deutschen Öffentlichkeit aus, nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Einseitigkeit der Darstellung der Geschichte. Während der großen Koalition von CDU und SPD musste die SPD ihren ablehnenden Standpunkt aufgeben. Als Zugeständnis an die Sozialdemokraten, um den nur allzu berechtigten Befürchtungen einer einseitigen Ausrichtung vorzubeugen und um das deutsch-polnische Verhältnis nicht unnötig zu belasten, übernahm die Bundesregierung das Projekt in ihre Regie mit der Verpflichtung, Räumlichkeiten im so genannten Deutschlandhaus bereit-zustellen und die Finanzierung des Vorhabens zu übernehmen. Das Projekt wurde dem Deutschen Historischen Museum in Berlin unterstellt. In dem zu schaffenden Stiftungsrat sollte der Bund der Vertriebenen drei Sitze einnehmen. Als Erika Steinbach für diese Aufgabe nominiert wurde, gab es erneut scharfe Proteste aus Polen, von führenden Funktionären der SPD und Teilen der deutschen Öffentlichkeit. (Siehe auch INFORMATOR 2/09.)  Die Bundesregierung schob eine Entscheidung immer wieder vor sich her, ohne von ihrem gesetzlich festgelegten Vetorecht Gebrauch zu machen oder ernsthaft nach anderen Lösungen zu suchen (nach der von Kanzler Kohl zur ?Meisterschaft? entwickelten Methode des ?Aussitzens?). Das änderte sich mit dem Amtsantritt des neuen Außenministers Westerwelle, der im Interesse des deutsch-polnischen Verhältnisses scharfen Protest gegen die Nominierung der Frau Steinbach erhob und sich erfreulicherweise von keiner Seite beeinflussen ließ. Doch nicht nur das hartnäckige Verhalten des Außenministers war dem BdV ein Dorn im Auge: Frau Steinbach bezeichnete den ursprünglichen Text des Gesetzes über die Stiftung teilweise als ?diskriminierend?. Sprecher ihrer Organisation sahen sich durch die ursprünglichen Festlegungen im ?Würgegriff der Bundesregierung?, von dem es sich zu befreien galt. Der polnische Historiker Tomasz Szarota sah in dieser Atmosphäre offensichtlich keine Basis für eine objektive wissenschaftliche Arbeit und hat im Herbst 2009 seine Mitarbeit im wissenschaftlichen Beirat beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Was die Öffentlichkeit eigentlich von der Bundeskanzlerin erwartet hatte, tat Frau Steinbach: Sie ergriff die Initiative und unterbreitete einen ?Kompromissvorschlag?, besser gesagt, sie diktierte mit einer beispiellosen Dreistigkeit der Bundesregierung ein ganzes Paket von Bedingungen, bei deren Erfüllung sie dauernd(?) auf einen Sitz im Stiftungsrat verzichten würde. Ihre ?Vorschläge? wurden von der Regierung bereits nach einem  (laut FAZ) einstündigen Gespräch bereitwillig und nahezu komplett übernommen. Die notwendige Änderung des bereits beschlossenen Gesetzes über die Stiftung wurde in Aussicht gestellt.

Alle deutschen Oppositionsparteien protestierten geschlossen und mit scharfen Worten gegen den abgeschlossenen Kuhhandel. Eine linke Tageszeitung gab ihrem Bericht den treffenden Titel ?Steinbach führt die Regierung vor?.

Der Bundesregierung verbleibt nur eine denkbar geringe Möglichkeit der Einflussnahme, denn die Stiftung verbleibt entgegen der Forderung von Frau Steinbach organisatorisch unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Frau Steinbach wird also nicht dem Stiftungsrat angehören. (Sie wird mit Sicherheit im Hintergrund die Fäden ziehen.) Frau Steinbach ihrerseits erklärte, dass die Stiftung trotz des Verzichts auf ihre Nominierung ?insgesamt gewinnt?. Worin besteht dieser Gewinn?

Die Bundesregierung verzichtet auf ihr Einspruchsrecht, beschränkt sich auf die Rolle des Geldgebers.

Die Mitglieder des Stiftungsrates werden zukünftig nicht mehr von der Bundesregierung benannt, sondern vom Bundestag gewählt, wahrscheinlich nicht einzeln, sondern als vorbereitete, geschlossene Liste, was Ostdeutsche peinlich an die Wahlen in der DDR erinnert. Damit wird weitgehend verhindert, dass das Parlament einzelnen ungeeigneten Personen die Zustimmung verweigert.

Der Stiftungsrat wird auf 21 Mitglieder erweitert, was seine Arbeit kaum effektiver macht. Der BdV bekommt 6 statt 3 Sitze. Die beiden großen Kirchen und der Zentralrat der Juden bekommen je 2 Plätze. Der Bundestag kann 4 Ratsmitglieder benennen. Je einen Vertreter entsenden das Auswärtige Amt, das Innenministerium und der Kulturbeauftragte der Bundesregierung, 2 weitere Mitglieder stellen andere Verbände.

Das staatliche so genannte Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth mit seinem Aktenbestand und seinen Erlebnisberichten soll der Stiftung angschlossen, also ebenfalls staatlichem Einfluss entzogen werden.

Die Ausstellungsfläche wird von 2200 auf 3000 m2 erhöht, die gesamten Kosten trägt der hoch verschuldete Staat, in dem Millionen Bürger, vor allem Kinder, unterhalb der Armutsgrenze leben und aus finanziellen Gründen vom kulturellen Leben ausgeschlossen sind.

Auf den ersten Blick wurde, was die Möglichkeit einer Einflussnahme auf die Tätigkeit der Stiftung und den Inhalt der geplanten Dauerausstellung betrifft, die größere Zahl von Vertretern des BdV im Stiftungsrat durch die Erhöhung der Anzahl von Vertretern anderer Institutionen kompensiert. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der BdV weit größeren Einfluss haben wird als die 6 Sitze vermuten lassen. Es muss damit gerechnet werden, dass sich unter den Mitgliedern des Stiftungsrates, die von den Regierungs-parteien, den Kirchen, dem Bundestag und den Bundesministerien gestellt werden, Sympatisanten oder sogar Mitglieder des BdV, bzw. der ihm angeschlossenen Landsmann-schaften befinden. Der BdV erreicht bereits eine Mehrheit, wenn es ihm gelingt, von den 15 übrigen Vertretern nur 5 auf seine Linie zu bringen. Das dürfte nicht schwer sein. Dass Bundestagsabgeordnete der CDU im Sinne des BdV handeln, ist wahrscheinlich, dass Mitglieder der CSU dies tun, ist sicher.

Der Direktor der Stiftung, Dr. Manfred Kittel (47), bisher Professor in Regensburg und München, bleibt im Amt. Gegenüber der Presse meinte er vorsichtig: ?Wir werden mit der Entscheidung der Politik leben müssen, egal, ob wir darüber glücklich sind oder nicht.? In seinem 2006 erschienenen Buch ?Vertreibung der Vertriebenen?? kritisiert er, dass in den letzten Jahrzehnten mit der Kritik an den Landsmannschaften eine zunehmende Entfremdung vom (ehemals - E.K.) deutschen Osten erfolgte. Den Rezensenten der ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung? erinnern die Positionen Kittels an die Zeit, in der Flucht und Vertreibung sowie die Erinnerung an den (ehemals) deutschen Osten als politische Waffen im Kampf um territoriale Ansprüche eingesetzt wurden, also an den Kalten Krieg. Der Rezensent der ?Frankfurter Rundschau? kritisiert, dass Kittel die Rolle der ?revisio-nistischen Ideologie und des Auftretens der Landsmannschaften? unterschlägt. Presse-meldungen zufolge sieht Kittel einen Schwerpunkt der Stiftung in der ?Aufarbeitung der Defizite in der deutschen Erinnerungskultur.? Folgerichtig soll - entgegen früheren Behauptungen - der Schwerpunkt der geplanten Dauerausstellung auf der ?Vertreibungs-geschichte? der Deutschen liegen. Das dürfte Musik in den Ohren der Frau Steinbach und ihrer Anhänger sein. Die ebenfalls vorgesehene ?Einbettung in die Darstellung der NS-Verbrechen und des Zweiten Weltkrieges als historische Ursachen der Vertreibung der Deutschen?  soll ?sensibel gestaltet werden?.  Man darf darauf gespannt sein, ob dieser Teil der Ausstellung mehr wird als ein Alibi für die Herausstellung der deutschen Opferrolle und ein Trostpflaster für die deutsche und internationale Öffentlichkeit..

 

 

Helmut Böttcher

 

SEHNSUCHT NACH DER

GUTEN ALTEN (NAZI-) ZEIT

 

 

 ?Unsere Ehre heißt Treue? ? mit dieser aus der mittelalterlichen Lehnsherrschaft übernommenen Devise unterwarfen sich die Männer der SS ihrem Führer. Ihr Vorbild war der aus der deutschen Sagenwelt stammende Getreue Eckehart , der auch beim Titel der Zeitschrift einer sogenannten Österreichischen Landsmannschaft (?Der Eckart?) Pate stand. Nicht nur das: Das Blatt, das vorgibt, auch  für die Rechte der Vertriebenen einzutreten,  fühlt sich offensichtlich, von vorn bis hinten, der alten Treue zum Führer verpflichtet. Es hebt sich damit,  wie der ?Schriftleiter? (Nazi-Deutsch für ?Chefredakteur?) verlauten lässt ?vom Charakter der gleichgeschalteten, politisch korrekten Presse wohltuend ab?. Er hat Recht: Die Zeitschrift hebt sich so sehr von normaler Presse ab, dass sogar die ?Sudetendeutsche Zeitung? gegenüber dem ?Eckart? wie ein sudeten-deutscher SPIEGEL wirkt.

Mit der ?Zerstörung der Sprache? (gemeint ist natürlich die deutsche Sprache), so der Schriftleiter Helmut Müller, ?rechnen sich die internationalen Beutejäger? ? er bezeichnet damit, wie er an anderer Stelle schreibt, den ?US-Imperialismus? und das ?Weltjudentum? ? ?Chancen aus, ihrem Ziel einer unumschränkten Herrschaft näher zu kommen?. Müller erkennt darin eine ?Strategie der verbrannten Erde?.( Verbrannte Erde ? das kennen wir doch aus der Zeit, in der noch so richtig Deutsch gesprochen wurde.) Aber heute, so geht es weiter, tragen ?die Niederlage von 1945 und eine heuchlerische Antifaschismus-Keule zur Verweigerung der eigenen Kultur bei? ? dass heute die Mehrheit der Deutschen und Österreicher 1945 als das Jahr der Befreiung sieht, ist also nichts als Verfall der deutschen Kultur.

Fazit: Der ?Eckart? bedient sich der Sprache aus dem Wörterbuch des Unmenschen, auf diese Art haben die perversen Journalisten des ?Völkischen Beobachter? und des ?Stürmer? ihre Sätze gedrechselt. Wer heute noch Worte wie ?Weltjudentum? und ?Gesinnungsterror? gebraucht, bleibt im Nazi-Jargon befangen. Am Rande: Hätte es im 3. Reich schon den PC gegeben, hätte man, wie heute der ?Eckart?,  die e-mail ?E-Post? und die homepage ?Heimseite? genannt. Und die Tschechische Republik heißt natürlich, wie im Übrigen bei fast allen Vertriebenen, ?Tschechei? und nicht Tschechien.

Wenn es gegen Israel und Antifaschismus geht, nehmen die treuen Kameraden des ?Eckart? kein Blatt vor den Mund. Sie kritisieren: ?Seit 1945 wurden an österreichische NS-Opfer 589 Millionen Euro ausbezahlt? und stellen fest: ?Fast 70 Prozent der Deutschen sind darüber verärgert, dass ihnen heute noch die NS-Verbrechen an den Juden vorgeworfen werden.? Hinter dem Bösen, das überall lauert, stehen das ?Weltjudentum?  und seine maßgeblichen Vertreter, die mit ?Hirn und Chuzpe und Unterstützung ihrer deutschen Lobby Israels Interessen in Deutschland durchsetzen?. Da waren doch Leute wie Göring aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er war, laut ?Eckart? ein ?barocker Lebemann?, der vor dem alliierten Tribunal in Nürnberg noch einmal zur ?Höchstform? auflief und sich als ?intelligenter, zynischer, jedoch auch philosophischer Kämpfer bis zur letzten Stunde? präsentierte ? mit einem Wort: ein Vorbild.  Seine Nachfolger sieht die Zeitschrift am ehesten in den Herren Haider und Blocher. Hier ist anzumerken: Wer einen Mann wie Göring positiv darstellt, hat offensichtlich nichts dagegen einzuwenden, dass die Kriegsverbrechen der Deutschen und der millionenfache Mord an Juden, Polen, Russen und anderen Menschen, geleugnet werden. Er steht als Vasall in Treue (und ?die Reihen fest geschlossen?) hinter den alten verbrecherischen Idealen.

Und er hasst das Weltjudentum. Ein Leserbrief gibt dem mutig Ausdruck, wenn er bedeutungsschwanger und zugleich augenzwinkernd feststellt, dass Persönlichkeiten wie Diana, Franz Josef Strauß, Uwe Barschel, Jürgen Möllemann nicht an Unfällen oder Selbstmord gestorben sind, sondern?  Und nur, wenn es nicht auf die verdeckte Art geht, so der Leserbriefschreiber, greift ?man? (raten Sie, wer mit diesem ?man? gemeint ist) zum offenen Mord wie bei den Kennedys und anderen.

Nach der Lektüre des ?Eckart? ist zweierlei nötig: Dringend Hände waschen und dann die Gesetzgeber in Wien auffordern, die rechtsradikale Österreichische Landsmannschaft und ihre Zeitschrift zu verbieten. Niemand sollte sich darüber hinwegtäuschen, dass die eine oder andere These dieser Leute durchaus auch außerhalb der rechtsradikalen Szene  auf fruchtbaren Boden fallen kann. Für alle anderen aber gilt: Weg von der Nibelungentreue zu irgendwelchen Ideologien und hin zum Bekenntnis zu den humanistischen Idealen einer aufgeklärten Welt.

 

 

 

REZENSION

 

 

ALLES ÜBER JOHANN EVANGELIST PURKINJE

Einer, der sich auskennt, würdigt den großen Physiologen

 

Selbst bei gebildeten Tschechen (falls sie nicht Mediziner sind), bei Deutschen sowieso, herrscht manchmal Unsicherheit, wenn sie etwas über Purkinje (tschechisch:Jan Evangelista Purkyn?) erzählen sollen. Dass die 1991 gegründete Universität in Ústí nad Labem seinen Namen trägt, weiß jeder, dass er eine wichtige Rolle in der Medizin gespielt hat, ebenfalls, aber worin diese Rolle bestand, ist allenfalls Fachleuten bekannt.

Einer dieser Leute vom Fach, der Physiologe Karl-Heinz Plattig aus Erlangen, den eine enge Bindung an Böhmen, wo er 1931 in Bílina/Bilin geboren wurde, auszeichnet, hat es nun im Rahmen der ?Sitzungsberichte der Physikalisch-Medizinischen Sozietät zu Erlangen? (Neue Folge, Band 11, Heft 3, 2009, ISBN 978-3-7896-0443-0, 12 ? bzw. 200 Kč) unternommen, Leben und Werk Purkinjes ausführlich darzustellen. Er zeichnet nicht nur den Lebensweg des großen Mediziners auf, sondern beschreibt auch akribisch seine umfangreichen medizinischen Entdeckungen; dabei gelingt es Plattig erstaunlicherweise, so zu schreiben, dass auch der Laie die zum Teil schwierigen Sachverhalte (Purkinje-Fasern, Purkinje-Bläschen, Purkinje-Schicht usw.) versteht. Zeichnungen und viele Bilder lockern den Text zusätzlich auf.

Was das kleine Buch so interessant und lebendig macht, ist die liebevolle Hingabe, mit der uns der Autor den Wissenschaftler näher bringt; dabei geht es nicht nur um die medizinischen Entdeckungen, sondern auch um den Menschen, der neben seiner professoralen Arbeit ein tschechischer Patriot und Mitglied des böhmischen Landtags war, sich für den Bau des Prager Nationaltheaters einsetzte, mehrere Sprachen beherrschte, Gedichte von Schiller übersetzte, Goethe kannte und verehrte und seine Familie über alles liebte. Als er 1869 in Prag starb, war sein politisches Ziel ? die tschechische Wiedergeburt ? nicht erreicht, sein wissenschaftlicher Ruhm war jedoch