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Informator 2/09

II. DEUTSCHER TEIL
 
EHRUNGEN
 
 
 
MILOSLAV VÁCHAL ZUM 70. GEBURTSTAG
 
 
Im April dieses Jahres feierte Herr Ing. Miloslav Váchal CSc., der langjährige tschechische Geschäftsführer unseres Freundeskreises und Redakteur des tschechischen Teils des INFORMATOR, seinen 70. Geburtstag im Kreise seiner Familie, Freunde und ehemaligen Kollegen.
Er hat über viele Jahre mit großem Fleiß, zuverlässig und unverdrossen für unseren Freundeskreis gewirkt, hat sich dabei nie in den Vordergrund gedrängt. Das ist besonders hoch zu bewerten, da ihm in den letzten Jahren immer wieder gesundheitliche Probleme zu schaffen machten.
Er hat nicht nur die Finanzen der tschechischen Seite gewissenhaft verwaltet, er hat für die Finanzierung vieler Veranstaltungen und unseres Rundbriefes INFORMATOR gesorgt, ohne die bürokratischen Hürden und die mühselige Kleinarbeit zu scheuen. Er ist der ?Erfinder? der inzwischen zur Tradition gewordenen Herbsttreffen, die unser Vereinsleben bereichern, und hat persönlich mehrere dieser Veranstaltungen organisiert.
Seine enges Verhältnis zur Kultur, zu Musik und Theater hat ihn immer wieder veranlasst, bei der Organisation von Zusammenkünften des Freundeskreises den Teilnehmern kulturelle Erlebnisse zu verschaffen. 
Herr Váchal hat nicht nur zur finanziellen Sicherung unseres Rundbriefs beigetragen, er hat in den 12 Jahren seiner Tätigkeit als Redakteur zahlreiche Beiträge verfasst, die dem Geist unseres Freundeskreises entsprachen. Er hat großen Anteil daran, dass die Zusammenarbeit der beiden Redakteure über so viele Jahre ohne ernste Probleme und immer kollegial verlief. Nicht unterschätzt werden darf seine unermüdliche technisch-organisatorische Tätigkeit bei der Herstellung des INFORMATOR. Er hat seit 1995 die Vervielfältigung organisiert und für den Versand gesorgt, erst in den letzten Jahren wurde ihm dabei Unterstützung zuteil.
Die deutsch-tschechische Verständigung und Versöhnung sowie die erfolgreiche Ent-wicklung des vereinten Europa liegen ihm sehr am Herzen. Daher engagiert er sich nicht nur im Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung, sondern auch in der Paneuropa-Union und in der Sdružení Ackermann-Gemeinde.
Wir danken Herrn Váchal für seine langjährige unermüdliche Tätigkeit im Freundeskreis und wünschen ihm nachträglich von Herzen bestmögliche Gesundheit und weitere erfolgreiche Jahre im Kreise seiner Familie und im Dienste der deutsch-tschechischen Verständigung.
 
Eberhard Kemnitz
 
 
 
ZUM GEDENKEN AN DORA MÜLLER
 
 
Am 1. April dieses Jahres verstarb Frau Dora Müller, eine Persönlichkeit, die sich wie kaum eine andere für die deutsch-tschechische Versöhnung eingesetzt hat. Als ?brněnská Němka?, wie sie Luděk Navara in ?Mlada fronta? bezeichnet, hatte sie ihre Wurzeln in beiden Kulturen, der tschechischen und der deutschen. Hinzu kam ihre strikte, von den Eltern übernommene antifaschistische Einstellung, die in ihrer Konsequenz nicht von allen in Tschechien lebenden Deutschen geteilt wird. Trotzdem war sie aber auch nicht blind gegenüber den tragischen Verstrickungen vieler Tschechen in die schlimmen Ereignisse bei der Vertreibung. Sie sorgte dafür, dass der ?Brünner Todesmarsch? untersucht wurde, und dass die Stadt Brünn sich dafür entschuldigte.
Dora Müller war immer auch ein Vorbild für unseren Freundeskreis. Ihre Methode, die jüngere deutsch-tschechische Geschichte so objektiv wie möglich zu betrachten und als Deutsche trotzdem voller Sympathie und ohne jeglichen Vorbehalt auf die tschechischen Menschen zuzugehen, ist beispielhaft. Für ihre Lebensleistung wurde Dora Müller 2007 das ?Goldene Herz für Europa? verliehen.
 
Wir werden Dora Müller nicht vergessen und ihr Andenken in Ehren halten.
 
Helmut Böttcher
 
 
 
 
INFORMATIONEN
 
 
Helmut Böttcher
 
FRÜHJAHRSTREFFEN UND E.T.A. HOFFMANN
 
 
Die Formalitäten ? Verlesung des Jahresberichts 2008 und die (traurig stimmende) deutsch-tschechische Kassenübersicht ? wurden beim Frühlingstreffen des Freundeskreises am 25. und 26. April in Bamberg schnell erledigt. Interessanter waren, wie immer, wenn wir zusammenkommen, die Gespräche unter Freunden und, dank den Organisatoren des Treffens, Alois und Zdena Hartl, die ausgiebigen Informationen über Bamberg und seine Geschichte und über den nur noch wenig bekannten Dichter, Komponisten, Maler (und Trinker) E. T. A. Hoffmann. Eine von Frau und Herrn Hartl eigens hergestellte Broschüre (deutsch und tschechisch) mit Auszügen aus dem Werk Hoffmanns und Karel Hynek Máchas diente dem Vergleich der beiden Romantiker.
Leider waren, wegen der schlechten Verkehrsbedingungen und der hohen Fahrkartenpreise, nur wenige tschechische Freunde angereist. Sie haben viel versäumt, weil sich Bamberg, eine kleinere Ausgabe Prags, bei strahlendem Frühlingswetter von seiner besten Seite zeigte. Dr. Kotrba, der eigentlich teilnehmen wollte, dann aber aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, schickte eine ausführliche Grußbotschaft. Besonders gefreut haben wir uns über die Teilnahme von Frau Professor Iggers und Frau Šmídlová ? der Vorsitzende des FK hob das in seiner Begrüßung besonders hervor.
Zdena und Alois Hartl haben nun schon zum zweiten Mal ein Treffen des Freundeskreises organisiert, und zum zweiten Mal haben sie das perfekt erledigt. Teilnehmer und Vorstand bedanken sich herzlich ? und gehen davon aus, dass sie ihr Organisationstalent auch bei den zukünftigen Frühjahrstreffen unter Beweis stellen werden.  
 
 
 
RECHENSCHAFTSBERICHT 2008
 
 
 
Die Aktivitäten des Freundeskreises begannen mit der Ausstellung über Karl IV., die Dr. Eberhard Kemnitz in großer Arbeitsleistung schon 2007 vorbereitet hatte. Bohumil Řeřicha stand ihm bei der Organisation der Ausstellungsorte hilfreich zur Seite. Das Presse-Echo zur Ausstellung in Lidice, im Tschechischen Zentrum in Berlin und im Museum Louny war ungewöhnlich vielfältig und durchweg positiv. Dr. Kemnitz wurde vom tschechischen Sender ČT24 in einem Interview zur Ausstellung befragt.       
Nächster Höhepunkt war die Überreichung des Goldenen Herzens für Europa an die Schriftstellerin Lenka Reinerová. Wir hatten Gelegenheit, dies in einem festlichen Rahmen ? am 31. März anlässlich des Kisch-Symposiums in Prag ? vorzunehmen; die gesamte kulturelle Elite Prags, soweit sie sich für deutschsprachige Literatur interessiert, war dabei anwesend. Leider ist Frau Reinerová, die vielen von uns wirklich ?am Herzen? lag, zwei Monate später, wir haben sie aus diesem traurigen Anlass noch einmal im INFORMATOR gewürdigt, verstorben.
Wenig später nahmen Vertreter des Freundeskreises ? Bohumil Řeřicha, Jürgen Kögler, das Ehepaar Böttcher ? an einer großen Veranstaltung teil, die in den Räumen des Nationalmuseums in Prag zu Ehren des Lebenswerks von Josef Hyzler ? aus Anlass seines 85. Geburtstages ? stattfand. Der Architekt Josef Hyzler, den wir alle verehren, war lange Jahre tschechischer Vorsitzender des Freundeskreises.
Der nächste Jubilar, dem die verdiente Ehre einer großen Veranstaltung zuteil wurde, war der Schriftsteller (und Mitglied des Freundeskreises) Josef Škrábek. Die Evropská akademie pro demokracii, eine der KDU nahe stehende Organisation, lud aus Anlass des 80. Geburtstages Škrábeks ins Prager Franziskaner-Kloster ein. Wichtige Persönlichkeiten aus der Politik sprachen vor einem großen Publikum zu Ehren des Schriftstellers; eine Lesung aus seinem Werk schloss sich an.
Unser Frühjahrstreffen fand am 5. und 6. April in Cheb und Marktredwitz statt. Vortragende Gäste waren die Präsidentin der Euregio Egrensis und Oberbürgermeisterin von Marktredwitz, Frau Birgit Seelbinder, die Pfarrerin Cordula Winzer-Chamrád und Frau Kristina Jurosz (beide sind Vorsitzender befreundeter deutsch-tschechischer Vereine). Insbesondere zu Frau Jurosz besteht bis heute ein guter Kontakt. Das erfolgreiche Treffen wurde von unserem Geschäftsführer Alois Hartl und seiner Frau exzellent organisiert.
Streit im Freundeskreis gab es auch: Der INFORMATOR druckte einen äußerst kritischen Artikel der Lidové noviny über den Stadtrat von Postoloprty ab. Der Artikel (jeder weiß inzwischen, worum es ging) hatte den scharfen Widerspruch einiger Mitglieder, auch des deutschen Vorsitzenden, zur Folge; andere wollten solche Artikel überhaupt nicht gedruckt sehen. Die Redakteure des INFORMATOR, für deren hervorragende Arbeit wir uns wie in jedem Jahr bedanken, befanden sich in einer schwierigen Situation. Aber sie seien getröstet: Jedem Mitglied kann man es nicht recht machen, dazu ist die Meinungsvielfalt im Freundeskreis ? gottseidank ? viel zu umfangreich.
Am 22. Juni 2008 erhielt Herr Pfarrer Jone, der im Zittauer Gebirge sehr bekannt ist und Gottesdienste in der freien Natur abhält und dabei tschechische, deutsche und polnische Gläubige begrüßen kann, unser Goldenes Herz für Europa. Die Verleihung fand nach einem Gottesdienst auf dem Berg Töpfer bei Bad Oybin statt; sie erhielt bei den anwesenden Gästen aus Deutschland, Polen und der Tschechischen Republik und später in der Presse großen Beifall.
Im September wanderten wir von Klenčí nach Furth im Wald; jeder, der dabei war, weiß, wie schön diese inzwischen traditionelle Wanderung ist. Jürgen Kögler bewies erneut sein organisatorisches Talent, und die lokale Presse berichtete ausführlich über die Wanderung und vor allem auch über die Verleihung unseres Goldenen Herzens an Herrn Josef Škrábek, die nach der Wanderung und nach dem obligatorischen Abschlussgottesdienst im Kolpinghaus in Furth im Wald stattfand. Der INFORMATOR hat ausführlich berichtet.
Erfolgreich und hervorragend vor allem von Frau Knetlová organisiert war auch unser Herbsttreffen, das uns auf den Spuren von Karel Klostermann in den Böhmerwald, auf die Šumava, führte. Stationen waren Klatovy, Sušice, Srní und Kašperské Hory.
Das Jahr endete mit einer traurigen Nachricht: Am 5. November 2008 verstarb unser langjähriges Mitglied, unser Freund Pavel Macháček. Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.
Praha, April 2009
                                                          
Helmut Böttcher                                                                              Bohumil Řeřicha
 
 
Helmut Böttcher
 
BÍLIN: BESUCH IN DER HEIMAT
 
Das gibt es auch: 14 ehemalige Einwohner von Bílin und Umgebung, nach Kriegsende vertriebene Deutsche, wurden vom Bíliner Bürgermeister Horáček zu einem Besuch in der Heimat eingeladen. Sie kamen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und sie kamen gern.
?Betrachten Sie die Stadt Bílin als Ihre Stadt und in diesem Falle auch mich als Ihren Bürgermeister?, sagte Horáček am Ende seiner Begrüßungsrede; das sind ganz neue ? und sicher auch weiterhin sehr seltene ? Töne eines in einer offizieller Mission tätigen Tschechen. Das ominöse Recht auf Heimat, das die Landsmannschaften so massiv fordern (ohne zu erklären, was sie darunter verstehen), hier, in der kleinen nordböhmischen Stadt, wurde es symbolisch zugestanden, weil die gegenseitige Sympathie wichtiger ist als politische Vorbehalte.
Ein deutscher (Bíliner) Heimatverein mit Sitz in Gerolzhofen, ein tschechischer Bürgerverein aus Bílin und ein tschechischer Redakteur hatten die Begegnung vorbereitet. Für die Zukunft planen sie eine Gedenkstätte, die auch an die früheren deutschen Einwohner erinnert, und sie werden auch weiterhin ihre Erfahrungen und Erinnerungen austauschen und da, wo es nötig ist, korrigieren.
Diese Begegnung und die Courage des Bürgermeisters, der sich auch als Bürgermeister der ehemaligen deutschen Einwohner sieht, sie können als beispielhaft für weitere Aktionen stehen. Voraussetzung ist jedoch, dass sich die betroffenen Deutschen verhalten wie der Heimatverein aus Gerolzhofen: Voller Respekt für die seit 60 Jahren in ihrer Heimat lebenden Einwohner, voller Neugier, etwas über sie zu erfahren, und ohne auf Ansprüchen zu bestehen, die ihre Berechtigung längst im Lauf der Geschichte verloren haben.
Anmerkung: Wer mehr dazu lesen will, kann die mir von unserem Mitglied Prof. Plattig zugesandten Unterlagen gern bei mir anfordern.
 
 
Eberhard Kemnitz
 
SCHULPARTNERSCHAFT ERLEBT EINEN NEUANFANG
 
Am Altmärkische Gymnasium in Tangerhütte, Kreis Stendal / Sachsen-Anhalt wurde mehrere Jahrzehnte lang Tschechischunterricht erteil, vor der politischen Wende auch durch tschechische Lehrkräfte. Auf dieser Basis wurde über 30 Jahre lang eine intensive Schulpartnerschaft mit dem Gymnasium in Polička gepflegt. Wegen zurückgehender Schülerzahlen wurde das Gymnasium 2007 geschlossen, Lehrer und Schüler wurden vom Diesterweg-Gymnasium in Tangermünde aufgenommen.
Angelika Richter, Lehrerin für Ethik, Tschechisch und Russisch hat die Schulpartnerschaft zwischen dem Gymnasium in Polička und dem Gymnasium in Tangerhütte fast von Beginn an mit aufgebaut und gepflegt. Seit drei Jahren unterrichtet sie am Diesterweg-Gymnasium Tangermünde. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die Partnerschaft von ihrem neuen Arbeitsort aus fortgesetzt wird unter dem Motto ?Von der 30-jährigen Partnerschaft wieder zur Zahl 1".
Der Abschluss des neuen Vertrages erfolgte während eines viertägigen Besuchs von Tangermünder Lehrern und Schülern in Polička. Geplant sind gemeinsame Schulprojekte sowie der Schüler- und Lehreraustausch. Das Gymnasium in Polička ist anerkannte Unesco-Projektschule.
Es war sicher nicht nur Zufall, dass die Tangermünder Schüler der Klasse 6c einen Wettbewerb gewannen, was sie an Bord eines Flussschiffes, der ?Arche Europa?, von Berlin über Spree, Havel, Elbe und Moldau nach Prag führte, gemeinsam mit 22 tschechischen Preisträgern. An Bord und bei Ausflügen an Land lernten sie die gemeinsame Geschichte und die kulturellen Wurzeln beider Völker kennen.
 
 
JOSEF HYZLER ALS MALER
 
 
Der Ehrenvorsitzende unseres Freundeskreises, Herr Ing.-Arch. Josef Hyzler, ist uns als Architekt und Retter vieler historischer Bauwerke in der Tschechischen Republik bekannt (s. INFORMATOR 2/08). Nur wenige wissen, dass er sich während seiner Ausbildung an der Tschechischen Technischen Hochschule und danach auch mit Malerei beschäftigt hat. Mancher, der ihn in seinem Haus besuchte, hatte Gelegenheit, einige seiner Werke zu sehen. Jetzt zeigt das Museum in Český Dub (Podještědské muzeum) vom 5.4. bis zum 30.9.2009 eine Auswahl seiner Werke unter dem Titel ?Der Mensch, die Landschaft und seine Wohnstätten? (Člověk, krajina a jeho sídla). Geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag 9-12 und 13-17 Uhr.
e.k.
 
 
JAROSLAVA SKLENIČKOVÁ LAS IN DRESDEN
 
 
Jaroslava Skleničková ist eine der Überlebenden von Lidice. Gerade 16 Jahre alt geworden, kam sie 1942 als jüngste der Lidicer Frauen in das KZ Ravensbrück. Sie hat ihren Lebensweg in dem Buch ?Als Junge wäre ich erschossen worden...? dargestellt. Die deutsche Fassung wurde im April 2008 in Lidice vorgestellt, im Anschluss an die feierliche Eröffnung der Ausstellung ?Karl IV. ? Ein Kaiser an Elbe und Havel? (?Karel IV. v Braniborsku?) des Freundeskreises und der Museen Tangermünde (s. INFORMATOR 3/08 und 4/08).
Am 13. Mai 2009 las sie in Dresden in der Bibliothek Langebrück aus ihrem Werk. Die Veranstaltung war Bestandteil der ?Tschechischen Literaturnacht? in der sächsischen Landeshauptstadt.
e.k.
 
 
ALTES ZOLLHAUS STEHT ZUM VERKAUF
 
 
 
 
 
 
MEINUNG
 
 
 
Helmut Böttcher
 
FRAU STEINBACH IST FÜR POLEN EIN ROTES TUCH
 
 
Formal und vordergründig betrachtet, hatten unsere polnischen Freunde Unrecht: Wie ein Staat seine Institutionen personell besetzt, geht einen anderen Staat, selbst wenn es sich um ein befreundetes Land handelt, normalerweise nichts an. Aber es gibt neben dieser formalen Regel eine andere Betrachtungsweise ? die des politischen Anstands und der Rücksichtnahme auf die Gefühle der Menschen eines Landes, das, wenn man die jüdischen Opfer ausnimmt, mehr als alle anderen unter den deutschen Nazis gelitten hat. So gesehen, hätte Frau Steinbach, die ihre Forderungen an die Polen immer wieder und ohne Hemmungen vorträgt, unter keinen Umständen für den Vorstand des geplanten Hauses der Vertriebenen (?Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung?) nominiert werden dürfen.   
In diesem Punkt ? darin vergleichbar mit dem Papst, der sich als Elefant im Porzellanladen die Sympathien seiner Schäfchen vor allem in Deutschland verscherzt, nur um den Holocaust-Leugner Williamson und seine Clique in den Schoß der regulären Kirche zurückzubekommen ? sind viele unserer großartigen Politiker in Berlin mit Blindheit geschlagen. Das begann schon mit der parteiübergreifenden Genehmigung für das ominöse Haus der Vertreibung, von dem außer den Berufsvertriebenen keiner so richtig weiß, welche Funktion es haben soll. Am Ende wird es, da es von den einschlägigen Verbänden gestaltet werden wird, das Schicksal der aus Polen und der Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen in den Mittelpunkt stellen und nebenbei, um den Anschein der Objektivität zu erwecken, aber vor allem als Alibi, auch andere Vertreibungsaktionen benennen. Die Polen waren deshalb gegen das Vorhaben; nur im Interesse des polnisch-deutschen Verhältnisses hat die neue Regierung Tusk schließlich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und der Errichtung des Hauses stillschweigend zugestimmt ? allerdings unter der Voraussetzung, dass Frau Steinbach nicht in sein Führungsgremium berufen wird. Dass die Bundeskanzlerin, der die guten Beziehungen zu Polen wichtiger sind als die Bauchschmerzen der Vertriebenenfunktionäre, die Berufung verhindert hat, führte dazu, dass sie nun unter massiven Beschuss von CSU und besonders reaktionären CDU-Leuten gerät.
Dass sich die Polen auf Steinbach konzentrieren, hat gute Gründe: Sie war bei der Wiedervereinigung Deutschlands gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, und sie war ? ähnlich wie Posselt, der in Brüssel gegen Tschechien agitierte - gegen die Aufnahme Polens in die EU. Allein wegen des Talents der Steinbach, in delikaten Angelegenheiten die falschen Worte zu finden (so sagte sie sinngemäß, nachdem sie von Merkel zurückgepfiffen wurde: Der Platz im Stiftungsrat wird für mich freigehalten, damit in Zukunft immer ein ?Damoklesschwert? über Polen schwebt), müsste sie auch als Vorsitzende des BdV zurücktreten. Die Polen, die aus der Vergangenheit mit deutschen Drohungen gut vertraut sind und die deutsche Übermacht schon immer wie ein Damoklesschwert über sich gefühlt haben , werden sich, wenn sie solche dummen und anmaßenden Sprüche hören, zu Recht in ihrer Haltung bestärkt fühlen. Mit ihnen, und das ist tröstlich, fühlt eine große Zahl von Deutschen.
Vertreibung, das ist hier anzumerken, um Missverständnisse auszuschließen, ist immer ein Verstoß gegen Völkerrecht und Menschenrecht. Die Vertreibung der Deutschen fand jedoch in einer Zeit statt, die geprägt war vom millionenfachen und von den Deutschen verursachten Verstoß gegen diese Rechte. Durch den Überfall auf die Tschechoslowakei und auf Polen, die Todeslager für Gegner des Nazi-Regimes, vor allem die Ermordung von sechs Millionen Juden waren alle Regeln eines zivilisatorischen Zusammenlebens durch Deutschland ? und unter weitgehender Zustimmung der Deutschen auch in den Ostgebieten und in der Tschechoslowakei - außer Kraft gesetzt worden. Die Vertreibung der Deutschen ist nichts anderes als eine Folge der Barbarei, die die Nationalsozialisten ? und damit die Mehrheit der damaligen Deutschen - zu verantworten haben. In der Reihe der schrecklichen Geschehnisse nimmt diese Vertreibung den kleinsten, und, historisch gesehen, unbedeutendsten Platz ein, so sehr individuelles Leid auch unser Mitgefühl findet.   
Leute wie Steinbach wollen das nicht sehen. Sie stören die Versöhnung zwischen den Völkern, weil sie einerseits nicht wahrhaben wollen, wer die Vertreibung verschuldet hat, und weil sie andererseits fürchten, ihre wunderbaren Jobs zu verlieren, wenn sie sich durch eine wirkliche Verständigungspolitik selbst überflüssig machen. Insofern haben Diskussionen mit den Führern von SDL und BdV keinen Sinn. Unsere Politiker jedoch müssten es besser wissen: Sie wären gut beraten, alle die Versöhnung störenden Elemente in ihre Grenzen zu weisen, aber leider sind sie, jedenfalls die der CSU und viele in der CDU, beratungsresistent. Lob verdient die Bundeskanzlerin, die in wichtigen Fragen durchaus in der Lage ist, eine deutliche Sprache zu sprechen, so in ihrer vorbehaltlosen und konsequenten Verteidigung des Existenzrechts Israels und in ihrer eindeutigen und mutigen Aufforderung an den Papst, seine Entscheidung für die mittelalterlich geprägten Piusbrüder und den Nazi-Sympathisanten und Antisemiten Williamson zurückzunehmen. Und der es gelungen ist, Steinbach in ihre Grenzen zu verweisen.
Viele befreundete Tschechen, die mit Sympathie auf das neue Deutschland blicken und die das in Tschechien noch immer vorhandene latente Misstrauen gegenüber unserem Land durchbrechen wollen, verstehen nicht, dass manche Deutsche so allergisch gegen die Vertriebenenfunktionäre argumentieren. Das hat sprachliche Gründe: Sie können, wenn sie die Funktionäre ? Meister der Scheinheiligkeit ist dabei Posselt - sprechen hören, die ans Nazideutsch erinnernden Zwischentöne nicht wahrnehmen. Auf diese Zwischen-töne kommt es aber an.     
 
 
LITERATURGESCHICHTE
 
 
Josef Škrábek
 
WENIGER BEKANNTES VON EGON ERWIN KISCH
 
Zu dem Beitrag zum 60. Todestag von Egon Erwin Kisch in Heft 3/08 des INFORMATOR möchte ich einige Ergänzungen geben:
Außer seiner Tätigkeit als unbestritten guter Reporter war er auch anders tätig. Nachdem Kisch als österreichischer Soldat in Serbien verwundet wurde, kam er 1917 in den Kriegs-pressestab. Als die Habsburger den nicht ganz treuen Ungarn wieder eine
Geste des guten Willens zeigen wollten, wurde der nicht sehr bekannte Miklosz Horthy zum Admiral ernannt. Und für seine Propaganda bekam er aus Wien einen
guten Reporter - Egon Erwin Kisch. Der vorprogrammierte Erfolg blieb jedoch durch
die Torpedierung des größten ungarischen Kriegsschiffs Szent Istvan durch ein
lächerlich kleines italienisches Torpedoboot aus.
Nach dem Prager Tagblatt und weiteren österreichischen Blättern wurde am Nachmittag des 12.11.1918 der jubelnden Menge vor dem Wiener Parlamentsgebäude mitgeteilt, das
Deutsch-Österreich eine Republik sei. Die Feierlichkeit wurde jedoch gestört, denn
die vorbereiteten Linksradikalen hatten die aus der neuen rot-weiß-roten Fahne den weißen Teil herausgerissen und wollten jetzt die nur noch rote Fahne hissen.
Kommunisten unterbrachen den Ablauf durch ständige Hochrufe auf eine
sozialistische Republik. Dazu marschierten vier Züge Rotgardisten vor dem Parlament auf und es kam zu Schießereien. Die Rotgardisten standen zwar vor allen Eingängen ins Parlament, konnten dieses aber nicht erobern. Anschließend wurde mit dem Kommandanten der Rotgardisten verhandelt, einem Oberleutnant. Sein Name war - Egon Erwin Kisch. Die Erklärung für das Gewehrfeuer war einfach: Als die Diener des
Parlaments durch das schnelle Herablassen der Rollläden die Fenster schützen wollten, wurde der so entstandene Lärm irrtümlich für Maschinengewehrfeuer gehalten. Also handelte es sich nur ein harmloses Missverständnis.
Noch am selben Tag besetzten etwa 80 Rotgardisten die Redaktion der ?Neuen Freien
Presse?. Es ist überliefert, dass Kischs Bruder, der dort arbeitete, sagte: ?Egonek, Egonek, das schreibe ich der Mama?. Die Aktion war gut vorbereitet und noch am selben Abend erschien die Zeitung mit einem Appell: ?Arbeiter und Soldaten Wiens ?!? Die Kommunistische Partei Deutschösterreichs wollte mit der Besetzung der Redaktion ?für die Idee der sofortigen Verwirklichung der sozialistischen Republik? demonstrieren.
(Auch in der Tschechoslowakei kamen am 25. Februar 1948 kommunistische Milizionäre in die nichtkommunistischen Redaktionen und haben die gesamte Presse gleichge-schaltet.)
1919 wurde Kisch Mitglied der KPÖ. Die Wiener ?Reichspost? berichtet am 25.2.
1919 von einer Demonstration der sozialistischen Soldaten. Als der kommunistische Agitator Egon Erwin Kisch das Wort ergriff und für seine kommunistischen Ideen Propaganda zu machen versuchte, kam es zu lärmenden Kundgebungen gegen den Redner. Kisch: ?? das Proletariat kann heute die Macht ergreifen. Wir glauben, dass es ohne Blutvergießen abgehen würde, wenn unsere Sozialdemokratie sich anschließen würde an den großen Spartakistischen Weltbund?. (Rufe ertönten: Wir wollen nichts wissen von Spartakisten!)
In demselben Jahr wurde Kisch aus Österreich ausgewiesen und kam nach Prag, aber schon 1921 war er in Deutschland tätig. Hat er dort ? wie ein richtiger Bolschewist ? den Ausbruch der proletarischen Weltrevolution vorbereitet?
Als er nach Hitlers Machtergreifung verhaftet wurde, erinnerte er sich an die schlimme bourgeoise Tschechoslowakei, deren Behörden die Freilassung ihres Bürgers bewirkten.
 
 
REZENSION
 
 
Hugo, das Delegationskind
Als Beneš meine Familie zerstörte ...
 
 
 
Unsere tschechischen Leser wurden bereits 2004 über die tschechische Ausgabe des Erinnerungsbandes ?... Bylo mi 13? (?... als ich 13 war?) von Hugo Fritsch, Pavel Macháček, Zdena Němcová und Vladimír Novák informiert. Inzwischen liegt die deutsche Einzelausgabe der Erinnerungen von Hugo Fritsch in der vierten Auflage vor. Bedauer-licherweise wurde bei der deutschsprachigen Herausgabe auf die Beiträge der tschechischen Autoren verzichtet. Der Untertitel wurde gegen den Willen des Autors von einem der Verleger hinzugefügt. Das Vorwort schrieb Josef Škrábek, ein Nachwort stammt von Sidonia Dedina (bekannt durch ihre umstrittene Publikation: ?Edvard Beneš ? der Liquidator?).
Hugo Fritsch, 1933 in Brno (Brünn) geboren, beschreibt unpathetisch, aber sehr eindringlich und detailreich die Geschichte seiner Familie, die im Frühjahr 1945 ihre Heimatstadt Brünn verließ, um sich vor der anrückenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Er überlebt als einziger der sechsköpfigen, politisch unbelasteten Familie, zu der auch die tschechische Großmutter gehört, die fürchterliche Odyssee durch mehrere tschechoslowakische Auffang-, Internierungs- und Arbeitslager, auf der Hass, Drangsalierung, Hunger und Krankheit ständige Begleiter waren. Seine Rettung verdankt er vermutlich einem Schweizer Verwandten, der die Prager Delegation des Internationalen Roten Kreuzes mobilisierte. Diese nimmt ihn unter ihre Obhut (daher der Titel des Buches) und übergibt ihn den Salesianern, einer katholischen Priestervereinigung, die ihn vorbildlich betreut.
Er schildert diesen Leidensweg aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Die persönlichen Erinnerungen hat er durch ein gewissenhaftes Quellenstudium und Gespräche mit Zeitzeugen ergänzt. Familienfotos, Faksimiles von Dokumenten und (nach der politischen Wende angefertigte) Aufnahmen verschiedener Schauplätze bereichern den Bericht, bekräftigen seinen Wahrheitsgehalt. So entstand ein ergreifender Bericht von hoher Authentizität.
Hugo Fritsch versteht sich ausdrücklich nicht als Sudetendeutscher, sondern als Mährer. Er ist zwar Mitglied der Landsmannschaft, aber die Impulse für seine Tätigkeit bezieht er nicht aus dieser Quelle. Der Forderung nach einer sofortigen Aufhebung der Beneš-Dekrete, so brachte er es im Bayerischen Bildungskanal BR alphaam 10.3.2008 zum Ausdruck, steht er skeptisch gegenüber. Die Option auf Rückkehr in die alte Heimat und die Rückgabe des ehemaligen Eigentums haben sich für ihn auf Grund der politischen Entwicklung ?endgültig erledigt?. Heute steht er ?über der Sache?, tritt als Zeitzeuge an tschechischen und deutschen Schulen auf.
Im Nachwort konzentriert sich die gebürtige Tschechin Sidonia Dedina, seit 1966 in Deutschland lebend, darauf, die Unrechtmäßigkeit des gesamten Geschehens nach-zuweisen, selbst Verstöße gegen die Beneš-Dekrete arbeitet sie heraus. Sie schlägt Töne an, die man in den Schilderungen von Hugo Fritsch vergeblich sucht. Obwohl dieser als Betroffener selbst keinerlei Forderungen erhebt, empfiehlt sie dem tschechischen Staat, ihm Schmerzensgeld in Höhe mehrerer Millionen Euro zu zahlen. Sie hält nichts von der Versöhnung, die Hugo Fritsch längst praktiziert, ?solange eine Wiedergutmachung nicht angesetzt hat?. Da dies für die Juden durchgesetzt wurde, verlangt sie ?Ähnliches? auch für die ?Deutschen aus Böhmen und Mähren?. Mag das tragische Schicksal der Familie Fritsch auch dem mancher jüdischen Familie ähneln, hier wirft Frau Dedina in unzulässiger Weise zwei verschiedene Dinge in einen Topf. Für das Buch ist das kein Gewinn.
Die Publikation wurde bereits 2001 als ?lesenswert? von den zuständigen Behörden für Bayerische Schulbibliotheken empfohlen. Den jungen Lesern sind allerdings engagierte Lehrer zu wünschen, welche die Schilderungen von Hugo Fritsch in den richtigen historischen Kontext stellen. Es sollte ebenso selbstverständlich sein, dass jungen Menschen in Deutschland die Schilderungen tschechischer Naziopfer nahe gebracht werden, etwa Jaroslava Skleničkovás Erinnerungen ?Als Junge wäre ich erschossen worden ...? (s. INFORMATOR 4/08).
 
            Hugo Fritsch: Hugo, das Delegationskind ? Als Beneš meine Familie zerstörte
            Eine autobiographische Dokumentation über Flucht, Vertreibung und Tod einer
Familie (171 Seiten, Preis 12,00 ?) ISBN 3-930648-45-8
          Oberaudorf 2006     Hufi-Verlag, Postfach1102, D 83076 Oberaudorf
 
 
 
DEUTSCHLAND UND SEINE NACHBARN
 
Altkanzler Helmut Schmidt äußert sich in seinem Erinnerungsbuch ?Außer Dienst? auch zum Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn
 
 
Helmut Schmidt (SPD), Bundeskanzler a.D., ist Mitherausgeber der ZEIT. Er ist zugleich ein bedeutender politischer Publizist. Viele seiner Bücher waren Bestseller. Wer im Spätherbst 2008 die Sendungen des deutschen Fernsehens zu seinem 90. Geburtstag verfolgt hat, wird große Achtung vor der geistigen Frische des Politikers, vor seiner umfassenden Bildung und seinem unveränderten Scharfsinn empfunden haben. Das gilt für seine einstigen Anhänger und seine politischen Gegner gleichermaßen. Nur ganz wenige Vertreter der aktuellen deutschen Politik halten einem Vergleich mit ihm stand. In seinem Erinnerungsband ?Außer Dienst? hat er auch seine Meinung zum Verhältnis Deutschlands zu allen seinen Nachbarn geäußert. Einige Zitate sollen das belegen:
Unser eigentliches außenpolitisches Feld liegt in Europa, nicht aber im Kaukasus, im Nahen und Mittleren Osten, nicht in Asien oder Afrika. ...
Wir Deutschen können zur Stärkung Europas vor allem durch gutnachbarliche Beziehungen zu allen unseren Nachbarn beitragen. Hier liegen in den nächsten Jahrzehnten die überragende Aufgaben der deutschen Außenpolitik. ... Unser Feld sind unsere Nachbarn in Europa, mit denen wir in gutem Frieden leben wollen. ...
Wer als nachgeborener Deutscher vermeintlich ererbte Vermögensansprüche ... erhebt und aus dem Schicksal seiner Eltern oder Großeltern Profit schlagen will, der hat aus der Geschichte nichts gelernt. ...
Das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen ist ... von gegenseitigen Vorurteilen und Vorbehalten geprägt. ...
Die durch das von Hitler erzwungene Münchener Abkommen vom September 1938 sanktionierte Abtretung der tschechischen Randgebiete an Deutschland, vor allem aber der Einmarsch deutscher Truppen in Prag, mit dem im März 1939 die erste tschechoslowakische Republik beendet wurde, gehören zu den leidvollsten Erinnerungen des tschechischen Volkes und sind allen heute lebenden Tschechen und Slowaken gegenwärtig. Dazu kommen die Erinnerungen an die unter deutscher Herrschaft verübten grausamen Verbrechen in Theresienstadt und Lidice. ...
Die Veteranen der ?Sudetendeutschen Landsmannschaft? haben mit ihrer Agitation gegen die Beneš-Dekrete hierzulande nur geringen Einfluss ausüben können; wohl aber haben sie damit tschechische Politiker und Publizisten zur Kritik an Deutschland provoziert. Solche Kritik wird in Deutschland registriert und bisweilen leider unfreundlich beantwortet. ...
Gegenseitige Irritationen hängen immer auch mit mangelnder gegenseitiger Kenntnis zusammen. ... Aber die Tschechische Republik ist weit über Musik und Literatur hinaus ein Kernland der europäischen Kultur. Wir Deutschen werden das ? so hoffe ich ? in Zukunft besser erkennen als bisher. ...
 
Helmut Schmidt: Außer Dienst ? Eine Bilanz
                                            mit einem Namensregister, 350 Seiten, Leineneinband
                                           ISBN 978-3-88680-863-2
                                           München 2008 (Siedler Verlag)
 
 
 
 
 
 
RÜCKBLICKE                                                                      
 
           
             Jahreszeiten der Natur haben sowenig
           eine Stunde Null wie die Zeitfolgen
           der Geschichte.
 Beider Zukunft ist schon in der
 Vergangenheit enthalten.
            Niemand entgeht diesem Zusammenhang.
Deshalb erinnern wir uns.
Ein Geschichtsverständnis                        
muss weiter zurückreichen
als die eigene Biographie.
           
Richard von Weizsäcker
 
 
 
 
Eberhard Kemnitz
 
VOR 600 JAHREN:
DAS KUTTENBERGER DEKRET WENZELS IV.
 
Karl IV. sicherte im Gründungsprivileg der 1348 gegründeten Prager Universität allen Studenten und Lehrern, ?woher sie immer kommen mögen?, die gleichen Rechte und Freiheiten zu, welche auch die Universitäten in Paris und Bologna gewährten. In seiner Eigenschaft als Kanzler der Universität erließ Erzbischof Ernst von Pardubitz 1360 die Verfassungsregelungen für die Ordnung an der Hochschule.Nach Pariser Vorbild wurden die Angehörigen der Universität in vier gleichberechtigte ?Nationen? eingeteilt: 
 ?Böhmische Nation? ?   Tschechen und in Böhmen und Mähren lebende Deutsche,
                                        Ungarn
 ?Sachsen? ?                  Sachsen, Brandenburger, Friesländer, Skandinavier,
                                        Pommern, Niederländer, Engländer,
 ?Polen? -                           Polen, Litauer, Preußen, Schlesier und Lausitzer,
 ?Bayerische Nation? -    Bayern, Tiroler, Österreicher, Hessen (!), Schweizer, Lombarden.
Der hier verwendete Nationenbegriff ist irreführend und mit dem heutigen in keiner Weise identisch. Um 1400 stammte etwa ein Fünftel der Universitätsangehörigen aus Böhmen. Die Mehrheit der Meister und Studenten kam aus deutschsprachigen Ländern und verteilte sich auf mehrere ?Nationen?. Wie in Paris hatte auch in Prag jede ?Nation? eine Stimme bei allen, die Universität betreffenden Beschlüssen. Die einheimischen Lehrer und Studenten hatten also keinen größeren Einfluss auf das Geschehen an der Alma Mater als jede ?ausländische Nation?.
Im Jahre 1400 setzte eine Mehrheit der deutschen Kurfürsten Wenzel IV. als römischen (deutschen) König ab. Wenzel akzeptierte diese Entscheidung nicht und hoffte immer wieder, auf den römischen Thron zurückkehren zu können. In seinem Stammland Böhmen hatte sich, beeinflusst von den Lehren des englischen Kirchen- und Sozialreformers John Wiclif, eine starke kirchen- und sozialkritische Strömung herausgebildet, die ?Wiclifianer?, die man später ?Hussiten? nannte. Ihre Anhänger und geistigen Köpfe (Jan Hus, Hieronymus von Prag und andere) konzentrierten sich in der ?Böhmischen Nation? der Universität und waren größtenteils Tschechen. Diese ?Ketzer? lieferten sich mit den Reformgegnern der eigenen Nation und der anderen drei ?Nationen? - meist waren es Deutsche - erbitterte Auseinandersetzungen in philosophischen und theologischen Fragen. Sie konnten sich aber bei dem traditionellen Abstimmungsmodus nicht durchsetzen.
Durch das so genannte ?Kirchenschisma? gab es einen Papst in Rom und einen im französischen Avignon. Wenzel IV. unterstützte die Einberufung eines Konzils in Pisa mit dem Ziel, die beiden amtierenden Päpste abzusetzen und einen neuen Oberhirten zu wählen, von dem er Unterstützung erhoffte.
Die Richtigkeit dieser Politik sollte ein theologisches und juristisches Gutachten der angesehenen Gelehrten der Prager Universität rechtfertigen. Die Meister der ?ausländischen Nationen? erfüllten die Erwartungen Wenzels nicht. Die Vertreter der ?Wiclifianer?, der reformwilligen Kräfte aus der ?Böhmischen Nation? (Tschechen und einige einheimische Deutsche) waren zur Unterstützung des Königs bereit, bildeten aber nach dem gültigen Abstimmungsmodus nur eine Minderheit.
Wenzel war kein wirklicher Freund der Reformer, doch jetzt sah er in ihnen seine einzige Chance. Er ging willig auf die Vorschläge der ?Wiclifianer? ein und erließ vor 600 Jahren, am 18. Januar 1409 in Kuttenberg eine Verordnung, die als ?Kuttenberger Dekret? in die Geschichte einging. Es hatte ernste Folgen für die weitere Entwicklung der Prager Universität und für das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen.
Das Dekret sicherte der ?Böhmischen Nation? an der Universität drei Stimmen, den anderen drei Nationen zusammen eine Stimme. Die von Karl IV. den Ausländern zuge-sicherten Rechte wurden so erheblich eingeschränkt, die ihnen versprochene und über mehrere Jahrzehnte praktizierte Gleichberechtigung wurde aufgehoben. Es entstand ein völlig neues Kräfteverhältnis an der Alma Mater.
Wenzel bekam auf diese Weise die gewünschte Mehrheit bei der Beurteilung seiner Politik durch die Gelehrten der Universität. Die Reformer um Jan Hus hatten nun bessere Möglichkeiten, ihre theologischen und philosophischen Lehren an der Universität und in der Öffentlichkeit zu propagieren.
Die nichtböhmischen, meist deutschen Universitätslehrer und Studenten protestierten erfolglos. Schließlich verließen mehrere Hundert von ihnen am 9. Mai 1409 Prag. (Nicht betroffen war die 1372 selbständig gewordene Juristenfakultät.) Die meisten fanden in Leipzig (an der neu entstehenden Universität) ein neues Domizil, andere in Erfurt und anderswo. Durch diesen ?Aderlass? und durch die immer stärker werdende Konkurrenz der inzwischen gegründeten Universitäten (Wien, Leipzig, Erfurt, Krakow, Heidelberg und andere) ging der Zustrom von Gelehrten und Studenten nach Prag stark zurück. Die Universität verlor ihren überregionalen Charakter. 1417 hob das Konzil von Konstanz die päpstlichen Universitätsprivilegien auf. Der Lehrbetrieb kam fast zum Erliegen.
Manche tschechische Autoren sehen im Kuttenberger Dekret eine ?königliche Gerechtig-keitsmaßnahme?,andere einen ?weiteren Schritt zur Tschechisierung von Stadt und Universität?.Für bestimmte deutsche Kreise ist dieses Dokument mit seinen Auswirkungen ein Beweis für die Unterdrückung der Deutschen durch die Tschechen schon im Mittelalter.
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