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Informator 3/09

II. DEUTSCHER TEIL
 
 
ABSCHIED
 
 
 
 
NACHRUF AUF RUDOLF KÜCHLER
 
 
In den Abendstunden des 23. Juli 2009 verstarb in seinem 78. Lebensjahr nach langer und schwerer Krankheit das langjährige Mitglied und ehemalige Vorsitzende des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung, Herr Rudolf Küchler.
Seit seinem Eintritt in unseren Kreis war er immer sehr aktiv und begeistert für den Gedanken der deutsch-tschechischen Verständigung. Der Elan ist ihm bis in die letzten Phasen seines arbeitsreichen Lebens erhalten geblieben. Ich erinnere mich, dass ihm immer, wenn er ein tschechisches Lied gehört hat, die Augen feucht wurden. Er liebte die tschechische Folklore und Böhmen im allgemeinen. Er bildete zusammen mit dem bereits verstorbenen verdienst-vollen Mitglied des Freundeskreises, Oskar Kögler, ein hervorragendes Tandem. Die Arbeit des Freundeskreises und seine Hauptinhalte ? die Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen ? hat er erfolgreich auch in den Medien propagiert, weil er nicht nur seine deutsche Muttersprache, sondern auch die tschechische Sprache gut beherrschte. Sein großes Verdienst war die Verbindung von Deutschen und Tschechen in der Region von Würzburg, woher auch die meisten deutschen Mitglieder des Freundeskreises stammen. Seine Bemühungen wurden auch durch die Verleihung eines Preises der Stadt Würzburg anerkannt. Er war ein großer und begeisterter Organisator verschiedener Aktionen zwischen Tschechen und Deutschen, und daher nahm er auch jedes Jahr an der Septemberwanderung von Klenčí nach Furth im Wald teil ? auch, um seine geliebte Chodovanka zu hören.
Es ist traurig, Abschied von einem Menschen wie Rudolf Küchler zu nehmen, die Erinnerung an ihn bleibt für immer lebendig. Der Freundeskreis der deutsch-tschechischen Verständigung verliert in seiner Person einen begeisterten Befürworter der Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen. Im Namen beider Vorsitzender und aller Mitglieder des Kreises spreche ich seiner Frau Ingrid und der gesamten Familie Küchler mein herzliches Beileid aus.
Ehre seinem Andenken!
         Bohumil Řeřicha
 
Übertragung: B?la Böttcherová
 
 
INGEBORG MENSCHIK HAT UNSVERLASSEN
 
Der vorliegende INFORMATOR ist ein trauriges Heft geworden: Erst jetzt hat uns die Nachricht erreicht, dass am 26. Juni dieses Jahres, einen Monat vor Rudolf Küchler, Frau Ingeborg Menschik in ihrem 80. Lebensjahr verstorben ist. Sie war von Anfang an beim Freundeskreis dabei, davon mehrere Jahre als Geschäftsführerin.
Aber sie war mehr als das. Resultierten aus der Gedankenwelt Dr. Kotrbas die theoretischen Grundlagen des Freundeskreises, prägte Frau Menschik wesentlich die Ziele unserer Arbeit. Noch in den letzten Jahren, nachdem sie sich aus den Aktivitäten des Kreises zurückgezogen hatte, um ihren kranken Mann ? auch er ein freundlicher Unterstützer unserer Bemühungen ? in ihrer Wohnung in Bad Reichenhall mit liebevoller Geduld zu pflegen, nutzten einige von uns den telefonischen Kontakt zu ihr, um ihren Rat einzuholen. Auch aus der Ferne war sie im Freundeskreis aktiv ? als Übersetzerin tschechischer Texte für unseren INFORMATOR.
Mehr als alle anderen Mitglieder verkörperte Frau Menschik die Gemeinsamkeit der Deutschen und Tschechen. Sie sprach Deutsch mit dem Akzent der Brünner Deutschen, und sie sprach Tschechisch wie die Brünner Tschechen. Ihr Herz schlug für ihre mährische Heimat. Dass die Deutschen aus dieser Heimat vertrieben wurden, ordnete sie ? bei aller persönlichen Betroffenheit ? historisch richtig ein, sie sah die Schuld bei ihnen und nicht bei den Tschechen. Aus Prinzip und weil Brünn weit entfernt von den ?Sudeten? lag, wollte sie auf keinen Fall eine ?Sudetendeutsche? genannt werden. Sie glaubte an das Recht auf Heimat, aber anders als für die Landsmannschaften war das für sie keine leere Parole: Sie praktizierte dieses Recht, indem sie ihre Heimat so oft wie möglich besuchte. Als es der Gesundheitszustand ihres Mannes noch zuließ, streifte sie tagelang durch Prag, auch durch seine Theater und Museen, nahm Kontakt auf zu den Menschen und war glücklich dabei.
 
Frau Menschik hat unser Leben bereichert. Wir werden sie nie vergessen und ihr Andenken respektvoll bewahren.
 
        Helmut Böttcher
 
 
 
 
 
EINLADUNGEN
 
 
 
 
 
 
 
 17. EQUIPE ?WANDERUNG
            
 von Klenčí (Klentsch) nach Furth i. Wald
 
 Samstag, den 19. September 2009
                                             
 
 
 
"Gemeinsam für gute Nachbarschaft"
   
 Unsere traditionelle Wanderung beginnt um 13.30 Uhr am Friedhof von Klenčí (Klentsch).
 Um 13.00 Uhr stehen auf dem Stadtplatz in Furth Autobusse bereit.
 Für das leibliche Wohl und die musikalische Umrahmung mit böhmischer Musik ist
    gesorgt.
Gegen 19.00 Uhr treffen wir uns zu einer hl. Messe in der Kreuzkirche
?Zum Heiland in der Rast?.
Ein geselliges Beisammensein im Kolpinghaus beschließt die Wanderung.
   Für die Rückreise der tschechischen Gäste steht ein Autobus bereit.
 
 
Willkommen sind alle Menschen guten Willens.
 
 
 Information:
   Jürgen Kögler, Äpflet 10, 93437 Furth im Wald
      ' 09973 801005 oder 1059 Fax   09973 9519 E-Mail radiokoegler@t-online.de
 
 
 
 
 
 
 
 
 
DEUTSCH-TSCHECHISCHES HERBSTTREFFEN 2009 
 
Der Vorstand des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung lädt seine Mitglieder und Sympathisanten zum deutsch-tschechischen Herbsttreffen (im folgenden: HT) 2009 ein. Das Treffen findet statt am
17. und 18. Oktober 2009 in Stříbro und Kladruby.
Wir legen das folgende Rahmenprogramm zugrunde:
1. Tag    11:00 ? 12:00 Teilnehmerpräsentation im Restaurant ?Zlatý kalich? 
                             (s. Stadtplan)
      12:00 ? 13:30 Gemeinsames Mittagessen
13:30 ? 14:30 Zimmerbelegung und individuelles Programm
14:30 ? 16:00 Heimatkundlicher Stadtspaziergang mit fachlicher
                             Führung
      16:00 ? 17:00 Kaffeepause, Diskussion
17:00 ? 18:30 Vortrag zum Thema ?Geschichte des Zusammenlebens
                                              von Deutschen und Tschechen in der Gegend von
                                              Stříbro?
18:30 ? 19:30 Gemeinsames Abendessen
ab 19:30           Freundschaftliche Diskussion über die Zukunft des
                              Freundeskreises
       2. Tag     08:00 ? 09:00 Gemeinsames Frühstück
09:00 ? 09:30 Auschecken
09:30                 Busabfahrt nach Kladruby
10:00 ? 11:00 Besichtigung des Klosters und des Doms Santini-Aichl in
                             Kladruby, anschließend Rückfahrt nach Stříbro
12:00 ? 13:30  Gemeinsames Mittagessen und Abschied
Anmerkung:    Die Zeitangaben sind ca.-Zeiten.
Hinweise für die Teilnehmer:
Interessenten für die Teilnahme am HT können sich telefonisch oder schriftlich anmelden, formlos oder auf dem beiliegenden Formular. Die Übermittlung der schriftlichen Anmeldung kann auch per Fax (377 422 665) oder per E-Mail erfolgen    (vera.knetlova@seznam.cz oder bohureri@seznam.cz), spätestens bis zum 30.09.2009.
Spätere Anmeldungen können nur ausnahmsweise berücksichtigt werden.
Der Teilnahmebeitrag liegt bei 500 Kč bzw. 20 ? pro Person ? das jedoch nur unter der Voraussetzung, dass der Freundeskreis eine (beantragte) Dotation des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds erhält. Falls wir diese Dotation nicht erhalten, kann sich der Beitrag bis zu 1000 Kč pro Person erhöhen.
Der Beitrag beinhaltet die Übernachtung im Standard-Zwei-Bett-Zimmer inkl. Frühstück, weiterhin zweimal Mittagessen und einmal das gemeinsame Abendessen (Getränke übernimmt jeder Teilnehmer selbst), dazu die Fahrt mit dem bestellten Bus von Stříbro nach Kladruby und zurück und den Eintritt für die Besichtigung. Wer ein Einzelzimmer benötigt, zahlt zusätzlich 350 Kč.
Die Anfahrt nach Stříbro zahlt jeder Teilnehmer selbst. Die mit dem Zug anreisenden Teilnehmer können Taxis nutzen (Tel. 603 830 580 oder 603 174 395), weil der öffentliche Busverkehr zwischen Bahnhof und Stadt um diese Zeit nicht in Betrieb ist.
 
 
INFORMATIONEN
 
M. Váchal
 
EINE WÜRDIGE FEIERSTUNDE
 
 
Am Freitag, 12. Juni 2009, fand in der Prager evangelischen Kirche ?St. Martin in der Mauer? eine ungewöhnliche Feierstunde statt. Unter der Teilnahme der umfangreichen Familie, von Freunden und von Vertretern kirchlicher und weltlicher Organisationen wurde Herrn ThDr. Jiří Josef Otter (Foto im tschechischen Teil) die Auszeichnung ?Goldenes Herz für Europa? des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung verliehen. Dessen Initiator und Sponsor ist Dr. Walter Kotrba, gebürtiger Prager und Gründer des Kreises. Gleichzeitig wurde die deutsche Version des neuesten Buches des Jubilars ?Hinter Gitter und Stacheldraht - auch ein wenig anders?, herausgegeben 2008, vorgestellt, das der Autor aufgrund seiner eigenen Erfahrungen geschrieben hat.
Die gesamte Feierstunde hatte einen sehr würdigen Rahmen und Verlauf, auch dank der Orgelpräludien und ?postludien, die der holländische Organist Dr. Peter Morée zu Gehör brachte, und einiger musikalischen Intermezzi, interpretiert vom tschechisch-australischen Duett Beth Cooper (irische Harfe) und Nina Klestilová (Gitarre).
Das Programm begann mit einem Einführungsgruß des evangelischen Geistlichen und Sekretärs der ökumenischen Abteilung der Tschechischen Evangelischen Kirche, Mgr. Gerhard Frey-Reininghaus, der zweisprachig durch den weiteren Verlauf des Abends führte. Die einzelnen Programmpunkte wurden durch den emotional beeindruckenden Gesangs- und Musikvortrag der beiden oben erwähnten Damen untermalt. Der Geschäftsführer des Freundeskreises hielt danach die Laudatio für Herrn J. J. Otter, der Vorsitzende des Freundeskreises überreichte unter großem Applaus aller Anwesenden dem Jubilar das ?Goldene Herz für Europa? und die entsprechende Urkunde. Herr Dr. Otter bedankte sich bei den Vertretern des Freundeskreises mit herzlichen Worten für die Auszeichnung und bei allen, die dabei mitgewirkt haben, für die Organisation der wunderschöne Feierstunde. Der Vertreter der evangelischen Böhmischen Brüdergemeinde, Mgr. Miloš Rejchrt, überbrachte die Glückwünsche der evangelischen Kirche und Monsignore Anton Otte die der katholischen Kirche. Damit wurde auch der ökumenische Charakter der gesamten Feierstunde hervorgehoben. Besonders eindrucksvoll waren die Worte des Monsignore Otte darüber, dass mit dem Überreichen des Goldenen Herzens an Jiří Josef Otter Holz in den Wald getragen würde, denn er hat bereits ein goldenes Herz, und zwar sein eigenes.
Im weiteren Verlauf der Feierstunde kam es zur Präsentation des neuesten Buches von J. J. Otter ?Hinter Gitter und Stacheldraht ? auch ein wenig anders? in der deutschen Version. Ein schönes Gebet des Hl. Franz von Assisi mit sehr bewegendem Text trug die deutsche Pfarrerin Andrea Pfeifer in deutscher Sprache vor. Anschließend beteten die Anwesenden das Vaterunser / Otče náš, jeder in seiner Muttersprache. Es folgte ein altes evangelisches Kirchenlied, das absatzweise deutsch und tschechisch gemeinsam gesungen wurde: ?Nuž Bohu d?kujme? / ?Nun danket alle Gott?. Zum Abschluss segneten Frank Leßmann Pfeifer für die evangelische Kirche und Monsignore Otte für die katholische Kirche alle Anwesenden. Nach Ende der Feierstunde wurden alle Teilnehmer zu einer Erfrischung eingeladen, die die deutsche Gemeinde der evangelischen Kirche vorbereitet hatte. Wie schon einführend konstatiert, würdigte diese außergewöhnliche Feierstunde auf ehrenvolle Art einen weiteren Träger des ?Goldenen Herzens für Europa?.
Der Vorstand des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung bedankt sich bei allen, die sich an der Vorbereitung und der Durchführung der Veranstaltung beteiligt haben.
(Der Text wurde von Dr. Otter überarbeitet und autorisiert.)
Übertragung: B?la Böttcherová 
 
 
Miloslav Váchal
 
LAUDATIO FÜR HERRN ThDr. J.J. OTTER
 
Student an der Karls-Universität und des Assembly?s College in Belfast, politischer Gefangener, Pfarrer und Mitglied des Ältestenrats des Kollegiums der Böhmischen Bruderschaft der evangelischen Kirche, Doktor der Theologie, Übersetzer, externer Lektor für die deutsche Sprache, Schriftsteller - und auch Nestor unseres Freundeskreises der deutsch-tschechischen Verständigung. Das alles und vieles mehr war und ist Herr Jiří Josef Otter, gebürtig in Pilsen (*1919).
Während seines Wirkens in Marienbad und in Prag pflegte er viele Beziehungen zu deutschen Gästen aus den damaligen zwei deutschen Staaten. Für sie schrieb er Informationsbücher über die Geschichte des Christentums in den böhmischen Ländern, und später auch Führer durch Prag auf den Spuren der böhmischen Reformation.
Nach der Gründung des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung wurde er Mitglied. Er schrieb für ihn eine Reihe von Büchern über das deutsch-tschechischen Zusammenleben. Unter anderem nennen wir ?Das Los der deutsch-tschechischen Nachbarschaft? (Úděl česko-německého sousedství v zrcadle společných d?jin, 1995), ?Tschechen von Deutschen umarmt? (Češi v n?meckém objetí, 1996 bzw. 1997), ?Tschechen und Deutsche ? auch miteinander? (Češi a N?mci ? také spolu, 2000 bzw. 2001).
Das bisher letzte literarische Werk von J. J. Otter ist das Buch ?Hinter Gitter und Stacheldraht ? auch ein wenig anders? (Za mřížemi a dráty ? také trochu jinak, 2008), es erzählt vor allem vom zwangsweisen Aufenthalt des Autors und seines Vaters in deutschen Gefängnissen während des Zweiten Weltkriegs.
Mit seinem Leben und seinem Werk hat Herr Jiří Josef Otter zur gegenseitigen Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen beigetragen und trägt er ? in seinem gesegneten Alter ? weiterhin bei.
Die Verleihung der Auszeichnung "Goldenes Herz für Europa" an Herrn ThDr. Jiří Otter ist die richtige Wahl und eine symbolische Anerkennung der Bedeutung seiner langjährigen Arbeit für die Verbesserung der deutsch-tschechischen Beziehungen.
Übertragung: B?la Böttcherová
 
 
Bohumil Řeřicha
 
WAS MICH NACH LIDICE FÜHRTE*
 
Im Jahr 1993 wurde ich Mitglied des Freundeskreises deutsch-tschechischer Verständigung, und ich war mir bewusst, dass eine neue Form der deutsch-tschechischen Beziehungen sehr wichtig wird für das Zusammenleben beider Nationen, aber auch für den Eintritt der neu gestalteten Tschechischen Republik in den Kreis der demokratischen Staaten Europas. Mein Denken wurde nicht durch eine antideutsche Haltung belastet. Das Eingeständnis der deutschen Schuld gegenüber dem tschechischen Volk durch die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 7. November 1996** und das beiderseitige Bekenntnis zu eigenen Schuld in der gemeinsamen deutsch-tschechischen Erklärung vom 21. Januar 1997 haben meine Einstellung zu den deutschen Nachbarn wesentlich beeinflusst. Die Toleranz, das gegenseitige Verständnis und das Verstehen der historischen Fehler auf beiden Seiten, die zu den tragischen Geschehnissen geführt haben, haben meine Sicht auf die deutsch-tschechischen Beziehungen bestimmt und bestimmen sie noch immer.
Aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Tragödie von Lidice haben die deutschen und die tschechischen Mitglieder des Freundeskreises im Jahr 2002 einstimmig beschlossen, zum Gedenken an die unschuldigen Opfer der tragischen Ereignisse eine junge Eiche zu pflanzen sowie eine Gedenktafel anzubringen. Ich konnte später verfolgen, wie sich die junge Eiche entwickelt. Auf Vorschlag unseres Mitglieds, Ing. Škrábek, pflanzte der Freundeskreis zum 65. Jahrestag 2007 in Anwesenheit des jetzigen Direktors Dr. Červencl und des Ministers Ing. Petr Gandalovič eine Linde.
Der entscheidende Punkt, der mich auch nach diesen Ereignis wieder nach Lidice führte, war das Knüpfen der Kontakte zur Gedenkstätte Lidice. Im April 2008 wurde gemeinsam vom Freundeskreis, der Gedenkstätte Lidice und der Stadt Tangermünde eine Ausstellung "Karl IV. in Brandenburg" eröffnet, die bereits vorher mit Erfolg in Sachsen-Anhalt gezeigt wurde, wo Karl IV. 1375 bis 1378 weilte. Der Hauptinitiator und Gestalter der Ausstellung war unser deutsches Mitglied Dr. Eberhard Kemnitz, der eng mit der Direktorin der Städtischen Museen Tangermünde, Frau Sigrid Brückner, zusammenarbeitete. Ich möchte nur nebenbei erwähnen, dass der Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte seit dem vorigen Jahr auch Konzerte geistlicher Musik veranstaltet.
Ich hatte noch mehrmals Gelegenheit, Lidice zu besuchen, zum Beispiel aus Anlass des Besuchs und der Präsentation der italienischen Stadt Bucine, wo sich in der Nähe von San Pankrazio eine ähnliche Tragödie wie in Lidice abgespielt hat. Der Höhepunkt war für mich ein Seminar gegen Neonazismus und Xenophobie, das von der Gedenkstätte Lidice im Herbst 2008 mit großer moralischer Unterstützung durch den gegenwärtigen Parlamentsvorsitzenden M. Vlček veranstaltet wurde. Bei keiner Gelegenheit habe ich vergessen, mindestens kurz die sich gut entwickelnde junge Linde und die etwas ältere Eiche, die von unserem Freundeskreis gepflanzt wurden, zu besuchen. Seit dieser Zeit fühle ich, dass der Ort der Tragödie von Lidice trotz der nazistischen Verbrechen, die Lidice für immer von der Weltkarte ausradieren sollten, weiter lebt. Nach der Beseitigung des überdimensionierten eisernen Monstrums wurde die Gedenkstätte nach der Neugestaltung zu einem wirklichen Symbol ohne ideologische Ausrichtung. Der auf die Gedenkstätte Lidice spezialisierte Schriftsteller Přemysl Veverka spricht von einem besonderen Fluidum, das auch ich hier fühlen kann.
Am 27. März 2009 hatte ich die Ehre, an der Saisoneröffnung der Gedenkstätte teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit wurden unter Teilnahme des Parlaments-vorsitzenden M. Vlček und der Europaabgeordneten J. Bobošíková die Ausstellungen über das Echo der Tragödie von Lidice in der damaligen Welt und über die Tragödie, zu der es gegen Ende des Krieges in Javoříček in Mähren gekommen war, eröffnet. Für mich war es absolut neu, welches Echo die furchtbare Tat von Lidice in der Welt hatte, wo sich in fernen Ländern Orte nach Lidice benannten oder neu geborene Mädchen den Namen Lidice erhielten. Schockierend war die Information des geistigen Vaters und ?Hofhistorikers? der Gedenkstätte, Dr. Stehlík, dass die Nationalsozialisten ihre furchtbare Tat erstmals medialisiert haben. Wie verlogen jede totalitaristische Propaganda ist, dokumentierte Dr. Stehlík mit der Bekanntmachung der Nazis, dass ?die Frauen von Lidice in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht werden?, dass sie aber der Öffentlichkeit verschwiegen haben, dass das ?bis zum Lebensende? heißen sollte. Noch verbrecherischer war die Mitteilung über die Kinder von Lidice, die angeblich zur Umerziehung weggeben werden sollten; dabei wurden 82 Kinder in der mobilen Gaskammer von Chełmno ermordet. Und gerade die Statuengruppe dieser 82 Kinder, geschaffen in zwanzigjähriger Arbeit von der Bildhauerin Frau Uchytilová, ist für mich absolut einmalig, zeitlos und noch unterschätzt (bei jedem Besuch steigen mir die Tränen in die Augen). Der Ausdruck, den Frau Uchytilová den Statuen verliehen hat, ist absolut faszinierend; er kann niemanden unberührt lassen. Ich erinnere mich an das bedeutende Werk des Regisseurs Landsmann, ?Shoa?, in dem die Protagonisten von jüdischen Menschen berichten, die schon nackt und mit einem Ausdruck der tragischen Todesangst vor den Gaskammern standen und sich ihres Endes bewusst waren. Auch im Ausdruck der Statuen der armen Kinder von Lidice erkennt man Unsicherheit und Todesangst. Ich hatte die Möglichkeit, mit der Tochter der bereits verstorbenen Frau Uchytilová zu sprechen, und ich verglich das Werk ihrer Mutter mit einem Werk von Michelangelo Buonarotti, in dem ein Delphin einen ertrunkenen Jungen auf seinen Flossen in die Höhe hebt. Das Bild befindet sich in der Petersburger Eremitage. Der Gesichtsausdruck des ertrunkenen Jungen und des Delphins, der annimmt, dass er das Kind gerettet hat, hat mich gerade an das unterschätzte Meisterwerk von Frau Uchytilová erinnert.
Den Abschluss eines wunderschönen Tages am Saisonbeginn in Lidice am 27. März 2009 bildete die Vorstellung von Přemysl Veverkas Buch ?Eines Wanderers Begleiter durch Lidice?. Veranstaltet wurde sie vom Autor, vom Verleger, Herrn Sommer, und vom Textrezitator, dem Parlamentsvorsitzenden M. Vlček. In seiner kurzen Rede vergaß Přemysl Veverka nicht zu erwähnen, dass das Buch auch eine Warnung vor der gegenwärtigen neonazistischen Gefahr sein soll; schließlich war der Nazismus die Ursache der Tragödie von Lidice. Für mich persönlich war die Anwesenheit des Parlamentsvorsitzenden M. Vlček sehr wichtig.
Bei Betrachtung der Fotos der in Javoříčko erschossenen Männer war festzustellen, dass unter den Getöteten auch J. Vlček sen. und J. Vlček jun. waren; dieser hatte eine auffällige Ähnlichkeit mit unserem Parlamentsvorsitzenden. Auf meine diesbezügliche Frage antwortete M. Vlček, dass sein Vater Verwandte in Javoříčko hatte. Ich empfand als angenehm, dass er diese Situation nicht betonte und die Aufmerksamkeit nicht darauf lenkte, obwohl er sich dieses tragischen Geschehens bewusst war. Mir wurde klar, wie wichtig für einen Politiker normaler Anstand und Bescheidenheit sind. Ich muss nicht mit der Sozialdemokratie sympathisieren, aber M. Vlček ist für mich ein anständiger Mensch.
Das ist - in einem zusammenhanglosen und vielleicht dilettantischen Stil - mein Bekenntnis, was mich dazu brachte, immer wieder nach Lidice zu fahren. Das Fluidum, das die heutigen Gedenkstätte in Lidice ausstrahlt, ist den dortigen Angestellten zu verdanken. Ich möchte vor allem Dr. Červencl danken, aber auch allen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie dem Schriftsteller Přemysl Veverka und dem Historiker Dr. Stehlík. Ihre Arbeit ist unersetzlich.
Als ich zum erstenmal Dr. Červencl traf, hatte ich den Gedanken, dass die Gedenkstätte von Lidice ein Wallfahrtsort auch im christlichen Sinne werden könnte, da im ursprünglichen Ort Lidice eine Kirche aufragte, und dass die Gedenkstätte für alle europäischen Länder zu einem Memento der Erinnerung und des Widerstands gegen alle totalitären Regimes werden sollte.
Am Ende des Buches "Eines Wanderers Begleiter durch Lidice" heißt es: "Weißt du eigentlich, warum ich gern hierher zurückkomme" Weil die Gedenkstätte Lidice nicht nur ein Museum für die dazu gehörigen Exponate und Dokumente ist, sondern auch eine lebendige und lebende Institution. Die Historie reicht hier der Gegenwart die Hand, und das ist doch ein Grund, immer wieder zurückzukehren, nicht wahr?? Auch ich komme gern hierher zurück, und ich möchte die Zeit erleben, in der die junge "deutsche" Eiche und die "tschechische" Linde sich mit ihren Ästen immer näher kommen ? als Symbol der deutsch-tschechischen Verständigung.
 
* erschienen in den ?Nachrichten der Gemeinde Lidice? vom April 2009, für den INFORMATOR geringfügig bearbeitet und gekürzt
** Den Text dieser Erklärung bringen wir in einem unserer nächsten Hefte.
Übertragung: Běla Böttcherová
 
 
 
Eberhard Kemnitz
 
NEUE UNTERSUCHUNGEN ZUM MASSAKER VON POSTOLOPRTY (POSTELBERG)
 
Die Erschießung von mindestens 763 deutschen Bewohnern von Žatec (Saaz) und Umgebung in und um Postoloprty (Postelberg) im Juni 1945 gehört zu den schlimmsten Verbrechen während der so genannten "Nachkriegsexzesse".
Bereits 1947 hatte nach einer anonymen Anzeige an das Verteidigungsministerium eine Untersuchungskommission des tschechoslowakischen Parlaments Nachforschungen an Ort und Stelle angestellt und war zu konkreten Ergebnissen gekommen. Die exhumierten sterblichen Reste der Erschossenen und Erschlagenen wurden größtenteils eingeäschert. Der Verbleib der Asche ist bis heute nicht endgültig geklärt.   Die Untersuchungsergeb-nisse wurden nicht weiter verfolgt, begünstigt durch die Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948.
Ein Artikel des tschechischen Journalisten David Hertl in der in Louny (Laun) erscheinenden Zeitung "Svobodný hlas" über die Vorgänge in Postoloprty (Postelberg) erregte 1995 großes Aufsehen. 1997 erstatteten Ludvík Vaculík und andere Prager Bürger Anzeige bei der Oberstaatsanwaltschaft der Tschechischen Republik. Sie wurde mit Hinweis auf das "Straffreistellungsgesetz" abgewiesen. Danach spielte das Thema in den tschechischen Medien immer wieder eine Rolle. Führende Zeitungen berichteten. Sogar ein Theaterstück entstand und wurde aufgeführt (?Porta Apostolorum?).
Der naheliegende Gedanke, den Opfern von Postoloprty (Postelberg) eine Gedenktafel zu widmen, wurde vor allem von den Verwandten der Opfer und anderen ehemaligen Bürgern von Žatec (Saaz) intensiv verfolgt. Frau Reiff als Mitglied des Freundeskreises trat 2003 mit der Bitte an den Verein heran, sie bei der Schaffung einer solchen Gedenktafel zu unterstützen, da ihr Vater unter den Opfern ist. Eine ausschließlich den deutschen Opfern gewidmete Tafel fand wenig Unterstützung. Zustimmung gab es für eine Kompromisslösung, einen kurzen Text, der die deutschen und tschechischen Opfer der Gewalt zwischen 1938 bis 1945 würdigt. Herr Bohumil Řeřicha, der tschechische Vorsitzende unseres Vereins, wurde beauftragt, Kontakt mit den örtlichen Behörden von Postoloprty (Postelberg) aufzunehmen. Er ist dort mehrfach vorstellig geworden und stieß immer wieder auf die ablehnende Haltung der Stadtväter, wurde sogar beschimpft, erhielt ?böse? Briefe. Bohumil Řeřicha wurde mehrfach von führenden Zeitungen interviewt (s. INFORMATOR 2/05, 4/05). Inzwischen erregte der Streit um eine Gedenktafel landesweit die Gemüter, Meinungsverschiedenheiten gab es auch in unserem Freundeskreis (s. INFORMATOR 3/08 und 4/08). Bohumil Řeřicha hat die Hoffnung, dass es doch noch ein Mahnmal geben wird, nie aufgegeben. Die Aussichten dafür sind jetzt besser als je zuvor.
Vermutlich unter dem beachtlichen öffentlichen Druck hat der Beamte Pavel Karas von der Polizei in Žatec (Saaz) 2006 die Ermittlungen neu aufgenommen und inzwischen abgeschlossen. Er hält Vojtěch Černý und Bohuslav Marek für die Hauptschuldigen. Der Mord an 5 Jungen zwischen 12 und 15 Jahren konnte dem damaligen Stabskapitän Černý konkret nachgewiesen werden. Die Täter können nicht mehr bestraft werden, sie sind längst verstorben. Haben die neuesten Ermittlungen auch keine juristischen Konsequenzen, ein Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte sind sie auf jeden Fall.
 
 
Eberhard Kemnitz
 
AUSSTELLUNG ÜBER KARL IV. IN TANGERMÜNDE UND BERLIN-GATOW
 
Die Ausstellung ?Karl IV. ? Ein Kaiser an Elbe und Havel? der Städtischen Museen Tangermünde und des Freundskreises deutsch-tschechischer Verständigung e.V. liegt in zwei Ausfertigungen vor, die in diesem Sommer parallel gezeigt werden. Beide Präsentationsorte werden dem Titel der Exposition gerecht - das Burgmuseums in Tangermünde an der Elbe und der historische Kornspeicher in Berlin-Gatow an der Havel.
In Tangermünde ist die Präsentation Bestandteil der Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen der Burg. Gatow, früher ein selbständiges Dorf, gehört heute mit etwa 5000 Einwohnern zum Stadtbezirk Spandau am westlichen Rand der deutschen Bundeshauptstadt. Der sehr aktive ?Förderverein historisches Gatow im Museumsdorf Gatow e.V.? bemüht sich mit Erfolg um die Erhaltung der alten dörflichen Objekte und um das kulturelle Leben im Ort. Der Vorsitzende, Ulrich Reinicke, kennt unsere Ausstellung aus dem Tschechischen Zentrum Berlin - er lernt dort Tschechisch - und hat die Präsentation an seinem Heimatort organisiert. (Er ist inzwischen Mitglied unseres Freundeskreises.)
Am 12. Juni 2009 fand die feierliche Eröffnung im Alten Kornspeicher statt. (Es handelt sich um ein Gebäude, das vor einigen Jahren sorgfältig restauriert und in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters der Bundeshauptstadt, Klaus Wowereit, der Öffentlichkeit übergeben wurde.)
Der Autor der Ausstellung erläuterte in seinen einleitenden Ausführungen ihre Entstehung und hob ihre Bedeutung für die regionale und die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte hervor. Er betonte die Bedeutung von Kenntnissen der gemeinsamen deutsch-tschechischen Vergangenheit für die Verständigung beider Völker. Angeregte Gespräche schlossen sich an.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
RÜCKBLICKE                                                                      
 
           
              Jahreszeiten der Natur haben sowenig
           eine Stunde Null wie die Zeitfolgen
           der Geschichte.
 Beider Zukunft ist schon in der
 Vergangenheit enthalten.
            Niemand entgeht diesem Zusammenhang.
Deshalb erinnern wir uns.
Ein Geschichtsverständnis                        
muss weiter zurückreichen
als die eigene Biographie.
           
Richard von Weizsäcker
 
 
 
 
Eberhard Kemnitz
 
VOR 635 JAHREN KAM BRANDENBURG ZUR BÖHMISCHEN KRONE (1374 - 1417)*
 
Am 15. August 1373 begann mit dem Vertrag von Fürstenwalde die Herrschaft Karls IV. in allen Teilen der Mark Brandenburg, auch in der Altmark. Er belehnte als römischer Kaiser im Oktober 1373 seinen minderjährigen Sohn Wenzel (* 1361) mit der Markgrafschaft und regierte als Vormund des zwölfjährigen Knaben das Land.
Am 7. September zog er in Tangermünde ein und nahm die Burg in Besitz. (Die Stadt feiert dieses Ereignis traditionell mit einem Volksfest, dessen Höhepunkt der Einzug des ?Kaisers? ist.) Die damals brandenburgische Stadt an der Elbe wurde zum Haupt- und Lieblingswohnsitz des Kaisers. Er verbrachte in seinen letzten Lebensjahren mehr Zeit in Tangermünde als in Prag.
Seit Karl IV. 1373 die Macht in den brandenburgischen Regionen übernommen hatte, besserte sich die katastrophale politische und wirtschaftliche Situation.Aus Böhmen floss Geld in das heruntergekommene Land. Der neue Herrscher gewann mehr und mehr das Vertrauen der Bürger, der Geistlichkeit und der ländlichen Bevölkerung, allmählich auch die Anerkennung durch den Adel.
Vor 635 Jahren, im Mai 1374, entschieden sich 40 brandenburgische Städte für ein engeres Zusammengehen mit Böhmen. Schon am 28. Mai beschlossen Vertreter der böhmischen und brandenburgischen Stände in Guben den freiwilligen Anschluss der Mark Brandenburg an die Krone Böhmens für alle Zeiten.
Am 29. Juni 1374 bestätigte Karl IV. auf der Burg in Tangermünde als oberster Lehnsherr des Heiligen Römischen Reiches in der so genannten Erbeinigungsurkunde die Zuge-hörigkeit Brandenburgs zum Königreich Böhmen und zu den anderen Ländern, ?die zu demselben Königreich und der Krone zu Böhmen gehören?. Zu diesem Zweck fand ein pompöser Hoftag statt. Namhafte geistliche und weltliche Persönlichkeiten aus den böhmischen und deutschen Ländern waren erschienen.
Kaiser Karl war am Ziel: Mit dem Erwerb Brandenburgs und der Einbindung in den Länderverband der Böhmischen Krone hatte sich seine Hausmacht erheblich nach Norden ausgedehnt und gefestigt. Tatsächlich stand jetzt mehr als ein Viertel des engeren Reichsgebietes direkt unter luxemburgischem Einfluss. Die Luxemburger verfügten jetzt über zwei der sieben Kurstimmen des Heiligen Römischen Reiches (Brandenburg und Böhmen), die für die Wahl und den Machterhalt des römischen (deutschen) Königs von größter Bedeutung waren.
Die erhabene Begriffe ?Böhmische Krone? oder ?Länder der Böhmischen Krone? standen über dem böhmischen Königreich und galten seit 1329 für den luxemburgischen Herrschaftsbereich. Das materielle Symbol war die kostbare Sankt-Wenzels-Krone. (Der von Karl IV. eröffnete Kult um diese Krone wirkt bis in die Gegenwart. Die heute nur noch selten erfolgenden öffentliche Präsentationen der böhmischen Kronjuwelen sind noch immer ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis für unsere tschechischen Nachbarn.)
Die Länder der Böhmischen Krone waren durch Lehens- oder Familienbande unterschiedlich eng an das ?Kernland? Böhmen gebunden, blieben aber autonom. Brandenburg zählte - wie Mähren, die schlesischen Fürstentümer, die Oberpfalz und einige kleinere Länder - zu den so genannten ?Nebenländern? der Böhmischen Krone. Es ist heute schwer vorstellbar, dass die heutige Millionenstadt Berlin, die deutsche Bundes-hauptstadt, die Universitätsstädte Frankfurt an der Oder, Potsdam und Cottbus, die bedeutende Industriestadt Brandenburg an der Havel und viele andere bekannte Orte einst für mehrere Jahrzehnte der Böhmischen Krone untergeordnet waren.
Die Bindung der Markgrafschaft Brandenburg an das ?Kernland?, das Königreich Böhmen, war allerdings lockerer als die Beziehungen Böhmens zu Mähren und zu einigen schlesischen Kronländern. Eine zu enge Anbindung Brandenburgs an Böhmen oder ein anderes Land der Böhmischen Krone hätten die Reichsfürsten als Verschmelzung beider Länder deuten können, was den Verlust der Kurstimme für Brandenburg zur Folge gehabt hätte.
Die Herstellung von Frieden und Ruhe in der neu gewonnenen Markgrafschaft war eine schwierige Aufgabe, die Karl IV. vor allem mit diplomatischen Mitteln löste. Er hielt Gerichtstage ab, entschied Prozesse und Streitigkeiten ?durch die Kraft seines hellen Verstandes?, wie der Tangermünder Chronist Pohlmann schrieb.
Karl IV. ließ 1375 nach böhmischem Vorbild für große Teile der Mark Brandenburg ein so genanntes Landbuch in lateinischer Sprache anlegen.Einzelne Steuern wurden bis in das 19. Jahrhundert auf seiner Grundlage erhoben.Es war besonders wichtig für die Wiedererlangung der von den früheren wittelsbachischen Markgrafen verkauften, verschenkten und verpfändeten Objekte und Einkünfte. Die böhmischen oder Prager Groschen (ursprünglich etwa 3,9 Gramm Silber) waren gemeinsam mit verschiedenen einheimischen Münzen im Umlauf und wurden unter Karls Herrschaft zu einem bevorzugten Zahlungsmittel. Ein böhmischer Groschen hatte etwa den gleichen Wert wie 7 Stendaler Pfennige.
Karl IV. nutzte bekanntlich die Kunst als Instrument zur Präsentation persönlicher und staatlicher Macht, auch in Brandenburg. Er ließ seine Burg in Tangermünde nach dem Vorbild der Prager Burg und der Burg Karlstein prächtig ausgestalten. Leider haben nur Teile den Dreißigjährigen Krieg überlebt. Beispiele böhmisch beeinflusster Kunst befinden sich noch heute im Dom und Domstiftsmuseum zu Brandenburg an der Havel, im Dom zu Havelberg, in Frankfurt an der Oder, in Rathenow, in der Klosterkirche zu Jerichow und an anderen Orten.
Einen bedeutenden Einfluss übte die 1348 von Karl IV. gegründete Prager Universität aus. Zahlreiche junge Männer aus allen brandenburgischen Regionen studierten dort. Viele Bischöfe in den für Brandenburg zuständigen Diözesen hatten in Prag ihre Bildung erworben.
Am 29. November 1378, in seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr, starb Kaiser Karl IV. in Prag. Damit endete in Brandenburg die kurze Periode des Friedens und des Aufschwungs, aber nicht die Zugehörigkeit zur Böhmischen Krone.
Am 18. Oktober 1377 hatte Karl IV. auf der Burg Tangermünde sein Testament aktualisiert, das die Aufteilung des Besitzes unter seine Söhne und Neffen regelte. Wenzel war bereits seit 1363 böhmischer, von 1376 bis 1400 auch römischer (deutscher) König. Sigmund bekam den größten Teil Brandenburgs und damit die Würde eines Kurfürsten. Die Zugehörigkeit zu den ?Ländern der Böhmischen Krone? blieb erhalten.
Sigmund war zehn Jahre alt, als er 1378 Markgraf und Kurfürst in Brandenburg wurde.. Wechselnde Beamte regierten zunächst an seiner Stelle. Die noch von Karl IV. bestimmten Schwerpunkte luxemburgischer Politik lagen auf anderem Gebiet: Sigmund sollte auf den ungarischen und den polnischen Königsthron. Schon 1382 verließ er für immer Brandenburg.
Sigmund verpfändete 1388 die Mark Brandenburg für über 500 000 Goldgulden an seine Vettern Jost und Prokop von Mähren. Er konnte das Pfand niemals einlösen, so gab König Wenzel 1397 dem mährischen Markgrafen Jost, einem gebildeten, aber macht- und geldgierigen Mann, das Land zum Lehen. Er wurde damit Markgraf und Kurfürst in Brandenburg. Das Land verblieb weiterhin im Verband der ?Länder der böhmischen Krone?. Jost hielt sich meist nur kurzzeitig in der Mark auf, um Gelder einzutreiben. Zahlreiche Städte, Landesteile und anderer Besitz wurden erneut verpfändet, Räuberei und Unfrieden nahmen katastrophale Ausmaße an. Raubritter waren die wahren Herren im Lande. Jost in seiner Geldgier machte sogar mit ihnen Geschäfte.
Im Januar 1411 starb Markgraf Jost. Sigmund übernahm erneut die Herrschaft in Brandenburg. Er herrschte nicht nur in Ungarn, das die Türken bedrohten, er war 1410 auch zum römischen (deutschen) König gewählt worden. Die daraus resultierenden Pflichten ließen ihm keine Zeit für sein total heruntergekommenes Kurfürstentum.
Die brandenburgischen Stände drängten auf Veränderungen in der Mark. So setzte Sigmund 1411 den Nürnberger Burggrafen Friedrich VI. von Hohenzollern als Verwalter ein. Dieser erkannte die Krone Böhmens und die Luxemburger als ordentliche und natürliche Erbherren der Mark Brandenburg an, denn der böhmischen König Wenzel hatte die Rechte der Krone Böhmens geltend gemacht. 1412 trat Friedrich sein Amt an. Auf dem Konzil von Konstanz wurde er 1415 zum Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg ernannt. Bei seinem erbenlosen Tode oder im Falle seiner Königswahl sollten die Markgrafschaft und die Kurwürde an die Luxemburger zurückfallen. Diese behielten sich außerdem das Rückkaufsrecht für 400 000 Gulden vor. Sie waren jedoch niemals in der Lage, diese riesige Summe zu zahlen. Sigmund belehnte Friedrich 1417 erneut mit der Markgrafschaft Brandenburg. Diesmal tat er es als römischer (deutscher) König und unter Verzicht auf das Rückkaufsrecht sowie sämtliche anderen luxembur-gischen Ansprüche.
Damit endete nach 43 Jahren für immer die Zugehörigkeit Brandenburgs zur Böhmischen Krone. Burggraf Friedrich VI. begründete als Kurfürst Friedrich I. die bis 1918 regierende Dynastie der Hohenzollern in Brandenburg und später in Preußen. Die meisten schlesischen Kronländer gingen durch die preußische Annexion 1742 verloren. Die letzten ?Länder der Böhmischen Krone?, Böhmen, Mähren und der österreichische Teil Schlesiens, bildeten 1918 den westlichen Teil der Tschechoslowakischen Republik.
*Gekürzte Fassung eines ganzseitigen illustrierten Beitrags in der ?Stendaler   Volksstimme? vom 16.4.2009.