Berichte
Alois Hartl
DAS SCHÖNSTE WAR DIE RAST
Gedanken zur 19. Grenzwanderung Klenči - Furth im Wald
Als im 19. Jahrhundert zum ersten Mal so etwas wie regelmäßige Verkehrsverbindungen aufkamen, Verkehrsmittel, die feste Orte nach festgelegten Fahrplänen miteinander verbanden, waren es die romantischen Dichter, die diese Neuerung verabscheuten. Im Reisen verwirkliche der Mensch sein naturgegebenes Unterwegssein, seinen Aufbruch in die geheimnisumwitterten Gefilde seiner selbst, meinte etwa Joseph von Eichendorff. Das Ansteuern eines Zielorts, noch dazu nach einem vorher festgelegten Fahrplan, laufe diesem Unterfangen zuwider.
Es ist wohl kein Zufall, dass eben in jener Zeit eine Bewegung entstand, die im deutschen Sprachraum unter dem Begriff "Wandern", im Tschechischen mit der Bezeichnung "Touristik" rasch zahlreiche Anhänger fand. Man begab sich äußerlich in die Natur, innerlich damit in die Natur des Menschen, die man in den äußeren Erscheinungsformen, der Landschaft, abgebildet glaubte. Ein äußerliches Ziel war der Unternehmung dabei hinderlich, weil eine innere Entsprechung nicht vorgesehen war. Höchstens eine Rast, denn schließlich empfindet jeder Wanderer Müdigkeit, deren inneres Äquivalent von den Romantikern durchaus ernst genommen wurde.
"Das Schönste war die Rast", hörte ich nach erfolgreich zurückgelegter Wegstrecke denn auch aus dem Munde einer Teilnehmerin unserer diesjährigen Grenzwanderung von Klenči nach Furth im Wald. Und es stimmt, dass es heuer ganz besonders schön war, sich auf dem Oskar-Kögler Rastplatz mit über 200 Mitwanderern mitten im Wald auszuruhen, bei bayerischer Brotzeit, böhmischem Bier und anmutigen Klängen aus dem Chodenland - um dann gestärkt und beschwingt weiterzuziehen auf unser gemeinsames Ziel zu, "beim Heiland auf der Rast". Vielleicht wären damit sogar die Romantiker zufrieden gestellt, kam mir in den Sinn, mit dem Ansteuern - wenigstens dem Wort nach - einer zweiten Rast anstelle eines Ziels, - aber diese Begriffsverdreherei ginge wahrscheinlich auch ihnen zu weit.
Außerdem musste ich mich heuer sputen, dort überhaupt rechtzeitig einzutreffen, was in den Augen eines Joseph von Eichendorff völlig unakzeptabel wäre. Was hätte er dafür zum Überschreiten einer Grenze gesagt, dem symbolträchtigen Vorgang, der sich wieder einmal sowohl rein äußerlich als auch - bei mir zumindest - innerlich vollzogen hat. 18 Kilometer zu Fuß sind - ich gebe das ganz unumwunden zu - für mich durchaus eine Grenzerfahrung. Aber halt, damals gab es ja noch lange kein Deutschland und noch einige Zeit länger kein Tschechien und folglich auch keine Grenze.
Den Weg zwischen Klenči und Furth im Wald gab es dafür schon immer. Nicht immer konnte man freilich auf ihm sein Ziel erreichen. Umso schöner ist es, das heute wieder zu können, noch dazu im dafür vorgesehenen Zeitplan. Aber das konnten die romantischen Dichter damals wirklich nicht wissen.
Eberhard Kemnitz
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HERBSTTREFFEN IN LOKET/ELBOGEN
"Über alle Beschreibung schön" fand der Geheimrat Goethe 1807 das Städtchen Loket, das damals Elbogen hieß, und sah in ihm "ein landschaftliches Kunstwerk, von allen Seiten zu betrachten". Wer das von der Ohře/Eger umflossene Städtchen vor 30 Jahren besuchte, konnte über so viel Schwärmerei nur den Kopf schütteln: Graue, zum Teil verfallende Häuser, eine stattliche, aber sanierungsbedürftige Burg. Nur an der reizvollen Lage des Ortes hatte sich seit Goethes Zeiten nichts geändert. Nach der Samtenen Revolution wandelte sich allmählich die Situation. Die im Eigentum der Stadt befindliche Burg wurde sorgfältig restauriert, zahlreiche Häuser wurden saniert und bieten einen farbenfrohen Anblick. Das Städtchen hat ungeachtet einiger letzter Schandflecke seinen Reiz zurückgewonnen und kann wieder das Herz des Besuchers erfreuen. Es bot somit den richtigen Rahmen für das diesjährige Herbsttreffen unseres Freundeskreises vom 8. bis 9. Oktober.
Die Tagung fand auf historischem Boden statt, im Hotel "Bilý kůň" - "Weißes Ross", in dem einst der greise Dichterfürst Goethe der blutjungen Ulrike von Levetzow erfolglos einen Heiratsantrag machte.
Die beiden Vorsitzenden Bohumil Řeřicha und Alois Hartl begrüßten die Teilnehmer und Herr Řeřicha gab einen kurzen Überblick über die jüngsten Aktivitäten im Freundeskreis und hob besonders die erfolgreich verlaufene 19. Equipewanderung hervor. Er erwähnte ferner die wiederholte Präsentation der Ausstellung "Karl IV. Ein Kaiser an Elbe und Havel" über eine der hellen Seiten der deutsch-tschechischen Vergangenheit und das für Anfang 2012 geplante Erscheinen eines Buches zum gleichen Thema. Er erwähnte ferner den Vortrag über ein Kapitel der deutsch-tschechischen Musikgeschichte. Als besonderen Höhepunkt wertete er die Verleihung der Ehrennadel "Goldenes Herz für Europa" an Dr. Milouš Červencl, den Direktor der Gedenkstätte Lidice, und an den Schweizer Historiker Adrian von Arburg in den Räumen der deutschen Botschaft in Prag. Er ging auch auf einige bevorstehende Aufgaben ein wie die würdige Gestaltung der 20. Equipewanderung und die Mitwirkung an den Feierlichkeiten zur 70. Wiederkehr des Tages der Zerstörung von Lidice in der Gedenkstätte und in Berlin. Frau Knetlová stellte kurz die schwierige finanzielle Situation des tschechischen Teils des FK dar.
Einen weiteren Höhepunkt des Treffens bildete die Auszeichnung von Leopold Graf Deym mit der Ehrennadel "Goldenes Herz für Europa" der vom Ehrenvorsitzenden des FK begründeten Walter-Kotrba-Stiftung. In der Laudatio wurde besonders sein Engagement in der Arbeit mit deutschen und tschechischen Jugendlichen hervorgehoben. Graf Deym bedankte sich für die Auszeichnung und warb für die Unterstützung von Projekten in der Jugendarbeit und für die Europaregion Donau-Moldau.
Am Abend fanden sich die Teilnehmer in geselliger Runde zusammen. Angeregte Gespräche und gemeinsamer Gesang, begleitet von Herrn Ryšánek auf dem Akkordeon, ließen lange Zeit keine Müdigkeit aufkommen.
Am Sonntag, dem zweiten Tag des Treffens, stand die gemeinsame Besichtigung der Burg Loket auf dem Programm. Das kühle, aber sonnige Herbstwetter war wie geschaffen für dieses Vorhaben und weitere Spaziergänge durch das malerische Städtchen. Auch auf dem Gang durch die sehr gut restaurierte Burg bewegten wir uns auf historischem Boden. Kaiser Karl IV., die bedeutendste Persönlichkeit der tschechischen Geschichte, war hier als dreijähriges Kind von seinem Vater regelrecht gefangen gehalten worden. (Die späteren Besitzer der Burg blieben dieser "Tradition" treu und verwendeten sie bis in das 19. Jahrhundert hinein als Gefängnis.) Später gehörte die Burg zu den Lieblingsplätzen Karls und auf einem der zahlreichen von hier aus unternommenen Jagdausflüge soll er die heißen Quellen von Karlovy Vary/Karlsbad entdeckt haben, was zur Gründung der Stadt führte.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen hieß es Abschied nehmen. Alle freuen sich auf ein Wiedersehen zum Frühjahrstreffen. Frau Knetlová gebührt unser herzlicher Dank. Sie hat ein gelungenes Treffen organisiert.
AUS DEM KREIS UNSERER MITGLIEDER
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JÜRGEN KÖGLER FEIERTE 70. GEBURTSTAG
Am 7. Oktober wurde Jürgen Kögler, Organisator unserer jährlichen Grenzwanderung, 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass berichteten sowohl die Mittelbayerische, wie auch die Chamer Zeitung in groß angelegten Artikeln über den Jubilar. Hervorgehoben wurde vor allem sein grenzüberschreitendes Engagement, das bereits vor der Grenzöffnung mit einer Kontaktaufnahme zu den westlichen Botschaften in Prag begonnen hatte. Mit der 1. westlichen Einkaufsmesse in Domažlice legte Jürgen Kögler den Grundstein für viele folgende Geschäftsbeziehungen zwischen Ost und West. Die damals geknüpften Kontakte und entstandenen Freundschaften seien häufig dann der Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit nach der Grenzöffnung gewesen. Auch unsere Grenzwanderung zwischen Klenči und Furth im Wald, die Jürgen Köglers Vater ins Leben gerufen hat und inzwischen jährlich über 200 Wanderer anlockt, fand in den Berichten eine ausführliche Würdigung. Die Redaktion des Informator schließt sich den zahlreichen Gratulationen an und wünscht Jürgen Kögler auch für die Zukunft alles, alles Gute.
PROFESSOR KARL-HEINZ PLATTIG EHRENBÜRGER VON BILIN
Professor Karl-Heinz Plattig wurde in seiner Heimatstadt Bilin am 29.04.2011 die Ehrenbürgerwürde verliehen. Er genießt als Wissenschaftler mit dem Arbeitsgebiet Sinnes- und Psychophysiologie weltweit großes Ansehen und konnte bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, entgegennehmen. Die Stadt Bilin (Bílina nad Bílinou) ernannte Professor Plattig nun zu ihrem Ehrenbürger und würdigte damit vor allem seine zahlreichen Initiativen zur deutsch-tschechischen Verständigung. Der 1945 14jährig unter unmenschlichen Umständen aus der Heimat Vertriebene war bereits 1963 erstmalig wieder in Bilin zu Besuch gewesen. Nach der politischen Wende 1989 brachte er sich in vielfältiger Art und Weise in den deutsch-tschechischen Dialog ein. Hervorzuheben ist dabei die Mitwirkung bei der Gründung der Purkyně-Universität in Ústí nad Labem, in deren Wissenschaftsrat er viele Jahre reguläres Mitglied war und inzwischen als Ehrenmitglied fungiert. Zu den Initiativen, die er in ?stí nad Labem ins Leben rufen konnte, zählen die seit 1992 stattfindenden Sprachkurse, an denen er selbst regelmäßig mit Begeisterung teilnimmt. Für seine Verdienste um die deutsch-tschechische Verständigung wurde Prof. Plattig 2005 vom Freundeskreis mit dem Goldenen Herzen für Europa geehrt. Die Redaktion des Informator darf ihm nun herzlich zu dieser weiteren, von der Stadt Bilin in den letzten 100 Jahren erst an 13 Personen verliehenen Auszeichnung gratulieren.
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DR. KEMNITZ HIELT MUSIKVORTRAG
Unter dem Titel "Musik am Hofe Friedrichs des Großen" sprach Dr. Eberhard Kemnitz am 29. September auf Einladung der Städtischen Museen Tangermünde vor einer großen Zuhörerschaft in der Salzkirche in Tangermünde. Dier örtliche Presse berichtete ausführlich über den Vortrag. In dem Zeitungsbericht war u.a. zu lesen:
"Dr. Kemnitz vom Freundeskreis deutsch-tschechischer Verständigung beleuchtete auch die interessante Tatsache, dass mehrere tschechische Musiker aus Böhmen, dem damaligen "Konservatorium Europas", am preußischen Hof wirkten. An deren Spitze stand Franz (eigentlich František) Benda, der ebenfalls vor 225 Jahren starb. Er war einer der besten Violinsolisten und Geigenlehrer seiner Zeit, komponierte wie sein Dienstherr und die meisten seiner Kollegen. Mit ihm gemeinsam wirkten weitere böhmische Musiker in der Hofkapelle. Interessant war auch der abenteuerliche Lebensweg Bendas vom Leibeigenen in Mittelböhmen zum Konzertmeister und musikalischen Berater des Königs in Potsdam und Berlin.
Das historische Ambiente bot einen würdigen Rahmen für diese abendliche Veranstaltung. Während der Ausführungen des Referenten wurden wir an Goethe erinnert: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus", denn er überraschte seine Zuhörer mit einer Vielfalt von interessanten Einzelheiten, anspruchsvoll, aber verständlich vorgetragen und durch Bilder und musikalische Einspielungen ergänzt."
