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Editorial

 

 

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Liebe Leserinnen und Leser, 

 

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, wieder einmal eine Woche in Frankreich zu verbringen. Ein kleines Jubiläum war es sogar, kam ich doch vor ziemlich genau 35 Jahren zum ersten Mal in das Land, mit dem wir Jugendliche Mitte der 70er Jahre vor allem Schönes und Angenehmes verbanden. Die Idee der deutsch-französischen Freundschaft hatte bereits gefruchtet, unsere Generation konnte als Erste davon profitieren.

 

Foch - Joffre - Juin - Austerlitz - Leclerc - Lyautey - Verdun, das war damals und ist auch heute noch eine Fahrt mit der Pariser Metro und könnte genauso der Auszug aus einem Stadtplan einer beliebigen französischen Stadt sein. Kriegshelden, Schlachten, Orte denkwürdiger Siege, oft genug gegen Deutschland. Eigentlich ein unglaublicher Kontrast zur abendlichen Nachrichtensendung: Merkel und Sarkozy Arm in Arm, "Merkozy", die deutsch-französische Ehe, Retter Europas - und der Alptraum des tschechischen Präsidenten. Sind die Franzosen trotzdem verkappte Chauvinisten? Wir Deutsche und Tschechen dürfen in dieser Sache eigentlich gar nicht mitsprechen. Beiden mangelt es uns dazu nämlich an wichtigen Voraussetzungen. Welchen? Nun, Deutschland hat nie einen Krieg gewonnen und Tschechien, wenn man es genau nimmt, überhaupt keinen geführt.

 

Ist es schlimm, als Land ohne Kriegshelden dazustehen? Bestimmt nicht,  - obwohl so  Mancher damit seine Probleme hat, wie man weiß. Vielleicht auch der tschechische Schulminister Josef Dobeš. Für seinen geplanten Patriotismus-Unterricht würden einige wackere Krieger (ein wenig jüngeren Datums als Žižka) schließlich etwas hermachen. "Der Patriotismus gehört auf die Müllhalde der Geschichte!"  - möchte ich ihm gerne zurufen, da er aber nicht mehr mein Dienstherr ist, unterlasse ich es. Eine tschechische Kollegin hat es sowieso schon treffend in die Blöcke der Journalisten diktiert: "Wichtig wäre es, Schülern die Menschen nahezubringen, die im Einklang mit ihrem Gewissen gelebt haben, völlig gleichgütig, ob sie Tschechen waren oder nicht."

 

Ziemlich gleichgültig ist es aber auch, welchen Nationen man Verbrechen zuordnet. Sie werden von Menschen an Menschen begangen und fordern deshalb unsere persönliche Anteilnahme und Auseinandersetzung. Den Kindern von Lidice ins Gesicht zu schauen und tags darauf den in Aussig Getöteten zu gedenken, das steht jedem Menschen gut an und gelingt nun endlich auch Politikern. Für mich ist das ein gutes Zeichen in diesen vorweihnachtlichen Tagen.

 

Liebe Leserinnen und Leser, verbringen Sie ein schönes Weihnachtsfest, bleiben Sie gesund und unserem Freundeskreis gewogen. Helfen Sie mit, dass wir Menschen in Europa einander näher kommen, egal welche Sprache wir sprechen und in welchem Land wir leben.

 

Alois Hartl