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Literatur im alten Prag

Die Blütezeit der deutsch schreibenden Prager Literaturszene während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts fiel zusammen mit großen Veränderungen in Politik und Gesellschaft der Stadt und des sich neu orientierenden Landes. Sie wurde so zum Spiegelbild und Ausdruck einer Kultur, die zwar im Umbruch begriffen war, zum letzten Mal aber aus ihrer mehrgliedrigen Struktur Variantenreichtum und Kraft schöpfte. Bis heute ist sie deshalb auch ein Symbol für deutsch - tschechische Gemeinsamkeiten und Verständigung.

 

In seiner aktuellen Serie stellt der INFORMATOR bekannte und weniger bekannte deutsch schreibende Prager Schriftsteller vor, heute Franz Werfel.

 

Alois Hartl

 

FRANZ WERFEL UND DAS TRAUERHAUS

 

Wie Franz Kafka verdankte auch Franz Werfel sein erstes Bekanntwerden in der Öffentlichkeit der Protektion Max Brods. 1910 hatte ihm der 6 Jahre Ältere zu einem Leseabend in Berlin verholfen, dem Beginn einer sehr erfolgreichen Karriere. Die Freundschaft zu seinem Mentor wurde jedoch später durch den Übertritt Werfels vom Judentum zum Katholizismus getrübt. (Als überzeugter Zionist hatte Brod denselben Schritt bereits Karl Kraus nicht nachsehen können.) Dauerhaft hingegen war die Verbundenheit mit Franz Kafka. Der im Jahre 1922 bereits Todkranke schrieb an Werfel: "Vielen Dank für Ihr schönes Buch, das mir so gut getan hat."

Franz Werfel wurde 1890 als Sohn eines wohlhabenden Prager Handschuhfabrikanten geboren. Nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium und einem Volontariat bei einer Hamburger Speditionsfirma arbeitete er bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs im Lektorat eines Verlags. In dieser Zeit entstand vor allem Lyrik, die Werfel zeitlebens über sein erzählerisches Werk stellte. Von 1915 bis 1917 wurde er als Soldat an der ostgalizischen Front eingesetzt, anschließend im Wiener Kriegspressequartier.

 

Die Begegnung mit Alma Mahler, der Witwe Gustav Mahlers, war für Werfel wohl ausschlaggebend dafür, nach Kriegsende in Wien zu bleiben. Seine große Liebe, die er 1929 nach der Scheidung von Walter Gropius heiratete, wurde auch zur Muse des sich zunehmend als Erzähler profilierenden Schriftstellers. "Wenn ich die Alma nicht getroffen hätte - ich hätte noch hundert Gedichte geschrieben und wäre selig verkommen...", äußerte er sich seinem Freund Friedrich Torberg gegenüber.

 

Die Flucht vor den Nationalsozialisten wurde zum letzten großen prägenden Erlebnis. Nachdem er mit Alma zusammen ab 1937 in der französischen Emigration gelebt hatte, fanden beide nach der Besetzung Frankreichs 1940 in Lourdes Unterschlupf. Werfels Gelübde, im Falle einer glücklichen Errettung ein Buch über die heilige Bernadette zu schreiben, löste er im amerikanischen Exil mit dem Roman "Das Lied von Bernadette" ein. Buch und Verfilmung (1943 mit Jennifer Jones in der Titelrolle) wurden in Amerika zu einem großen Erfolg.

 

Am August 1945 starb Franz Werfel in Beverly Hills an einem Herzinfarkt.

 

Das Trauerhaus

 

Eine Novelle, so will es die literarische Konvention, erzählt eine besondere Begebenheit, beschränkt auf einen überschaubaren zeitlichen Handlungsrahmen. Wenn 3 Tage ein überschaubarer Handlungsrahmen sind und der Tod eine besondere Begebenheit, dann ist Franz Werfels Erzählung "Das Trauerhaus" in der Tat eine klassische Novelle.

 

Daneben beinhaltet sie so einiges Pikantes: Die Geschichte spielt in einem Prager Bordell, nicht in irgendeinem, in dem vornehmsten. Dort findet man nur die beste Gesellschaft vor (oder was sich dafür hält), Vertreter der staatlichen, der moralischen und der kulturellen Ordnung. Überhaupt Ordnung, auf sie gründet sich der tadellose Ruf des Hauses, über sie besteht allgemeines Einverständnis, sie hütet man wie den eigenen Augapfel. Und ausgerechnet an diesem Abend gerät besagte Ordnung aus den Fugen. Die Huren fallen kreischend übereinander her und reißen sich die Kleidchen vom Leib. Ausgerechnet am Abend jenes Tages, an dem in Sarajewo der Thronfolger ermordet wurde. Das ist das vordergründig Pikante an der Geschichte.

 

Und an dieser Stelle ist die Handlungsdeutung der Handlung selbst etwas hastig vorausgeeilt. Erst in der darauffolgenden Nacht nämlich stirbt in dem vornehmsten Prager Bordell dessen Besitzer, der vom Schlafen chronisch ermüdete Herr Maxl. Prag verliert seinen Zuhälter, so wie Wien seinen Thronfolger verloren hat und in Prag sind damit die Tage eines Bordells gezählt wie in Wien die Tage einer ganzen Epoche.

 

Die Protagonisten dieser Epoche dürfen in Werfels Novelle noch ein letztes Mal auftreten, stolzierende Offiziere, schwadronierende Parvenüs, verkrachte Künstler, fettwanstige Spießer. Ein letztes Mal werden die Kulissen geschoben für ihr  Bühnenbild "mit seiner goldbeladenen Renaissance, den gekrönten Spiegeln, roten Samtvorhängen und dem eisglatt intarsierten Tanzparkett." Ein letztes Mal riecht es "nach heißem Badewasser, in das man Parfüm geschüttet hatte, nach Seifenschaum, nach Vaseline, Hautcreme, Schminke, Schweiß, Alkohol und scharf gewürzten Speisen...", nach einem Puff eben, dem Puff "Habsburger Monarchie".

 

Werfels Erzählung ist folglich mehr als nur eine Novelle, eine bissige Satire nämlich, ein Abrechnen mit der sog. k.u.k. Zeit, respektlos, witzig und ein wenig melancholisch zugleich. Und zuletzt begleitet sie nahezu musikalisch das Ausklingen einer Zeit, die unwiderruflich nur noch in der Kunst nachhallt:

"... sie mit ihrer gebrechlichen Kinderfigur hätte sich gar nicht anders tragen können."

Was an vielen Stellen in den Ohren von Oberlehrern wie falsches Deutsch tönen mag, ist in Wahrheit der melancholische Klang eines alten und fremdartigen (Sprach)Instruments, eines Instruments mit ungewohnter (Altprager) Intonation, das Franz Werfel für uns noch einmal zum Spielen gebracht hat.

 

Schon allein deshalb ist "Das Trauerhaus" eine köstliche und kostbare Lektüre.

 

Franz Werfel, Das Trauerhaus

Vitalis, Prag 1996, ISBN 80-85938-09-x