Prager Etüden
Prag hat über die Jahrhunderte hinweg Künstler in einzigartiger Weise inspiriert. Baumeister, Literaten und Musiker, deren Schaffen vom Prager Genius Loci beeinflusst wurde, sind so auch in regelmäßiger Folge Thema unserer Beiträge. Sehr oft handelt es sich ja um Deutsche und Tschechen verbindendes Kulturerbe. Zu Prag pflegt aber auch der Freundeskreis eine besondere Beziehung, was schon im symbolischen Brückenschlag auf dem Titelbild unserer Zeitschrift zum Ausdruck kommt.
Mit Beiträgen unserer Leser oder ihnen Nahestehender erscheint in den "Prager Etüden" Poetisches und Anekdotisches zu der Stadt, die sich wie keine zweite heute wieder in der Mitte Europas befindet.
Maria Kotrba-Nickl
PRAG -
Du ferne, rätselvolle Stadt -
Dir gehört im Buche meines Lebens ein besonderes Blatt -
Wollte ich den Reichtum Deiner Schönheit je besingen -
Die reichsten Worte aller Sprachen würden ärmlich klingen;
Wollt Deine Mystik ich in Worte zwängen -
Sie würde diese Fessel sprengen; -
Und statt Dein wahres Antlitz klar zu zeigen
Würde nur ein Scheinbild übrig bleiben.
So will ich denn von meiner Liebe zu Dir, Du ernste alte Stadt erzählen;
Mit Gottes Hilfe hoffe ich die richtigen Worte auszuwählen...
Als ich zum ersten Mal auf Deiner steinern-alten Brücke stand
Die leise Scheu des Landkinds vor der Großstadt noch kaum überwand -
Kam mir der Gedanke in den Sinn: Hier möchte ich immer leben!
Und wirklich hat es sich begeben -
Daß Du durch viele Jahre Deinem treuen Freund und Gast
Beseligendes Heimatglück geliehen hast...
Berauscht von Deinen breiten Luxus-Großstadtstraßen
Ging ich verträumt durch die geheimnisvollen Gassen;
Andächtig blieb ich hie und da auf einem stillenPlatze stehn
Und hörte die Jahrhunderte vorübergehn.
So vergaß ich oft den Gang der Zeit
Und horchte in die Ewigkeit.
Ich wollte Deine Rätsel nicht ergründen -
Lieber täglich neu ein märchenhaft Geheimnis finden...
Vor einem Jahr hab ich das Läuten Deiner Glocken zum letzten Mal gehört -
Die Ätherwellen haben mir dies Glück beschert.
Und als die alte Zeit an mir vorüberging -
Mit rätselhaftem Zauber mich umfing -
Bot sie mir einen blanken Spiegel dar,
In dem mir alles neu erstand, was längst Erinnerung war...
All die vertrauten Wege ging ich wieder -
Vor manchem Heiligtum kniet ich mit tränenfeuchten Augen nieder.
Lang verweilt ich auf der Rampe Deiner Burg im Abendsonnenschein -
Der Widerschein der goldnen Türme drang mild in meine Seele ein...
So versank mir Zeit und Raum und Leid -
Ich lebte neu in glücklicher Vergangenheit.
Als ich aus meinem ernsten Sinnen dann erwacht,
Hab ich die rauhe Gegenwart erst wieder überdacht:
Einst war ein Tag, da Wildheit ungebändigt hohe Flammen schlug
Und so viel Glück und Liebe unter sich begrub!
Warum hast Du auch Deine besten Freunde jüngst von Dir gewiesen?
Nur weil sie Deine Schönheit in fremder Sprache priesen! -
Ist die Sprache denn nicht einerlei -
Warum siehst du am Klang des Herzens so geflissentlich vorbei?
Doch wenn Dein Rausch vergangen
Wirst Du in alter treuer Liebe uns umfangen.
Geduldig warte in der Fremde ich auf Deinen Ruf -
Er muß einst kommen, da auch Dich der Herrgott für die Liebe schuf!
Maria Kotrba-Nickl ist die Mutter des Gründers und Ehrenvorsitzenden Dr. Walter Kotrba. Das Gedicht Prag wurde dem Gedichtband Blumen der Heimat (1964, Verlag Robert Lerche, München) entnommen.
