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Reportage

Zdena Hartlová

 

GRENZE DER VERANTWORTUNG

 

Gefährliche Hinterlassenschaft des Kalten Krieges

 

Gerne machen wir kleine Ausflüge in die Gegend, mein Mann und ich. In der letzten Zeit immer häufiger ins deutsch-tschechische Grenzgebiet. Manchmal begleitet uns unser junger Freund Heinz, ein wirklicher Kenner dieser Landschaft. Schon als Kind hat er sich viel an der Grenze herumgetrieben, zu Zeiten des real existierenden Sozialismus in der damaligen Tschechoslowakei, als die Grenze noch unpassierbar war und es umso mehr reizte, ein wenig hinter den Vorhang zu lugen.

 

Heute fährt die Vogtlandbahn. In Marktredwitz in den Zug, in bequeme Sessel gelehnt, nicht einmal von einer Grenzkontrolle behelligt, ist man in einer halben Stunde in Eger. Den Übergang in das andere Land bemerkt man höchstens an den  Durchsagen im Zug. Mit dem Auto kann man über den Grenzübergang Schirnding - Pomezí oder Waldsassen - Svatý kříž. Auch hier keine Grenze mehr zu sehen. Sogar mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommt man nach Tschechien hinüber. Ein Fahrradweg führt an den Flussläufen der Kösseine, Röslau und Eger entlang über Marktredwitz, Brand, Arzberg, vorbei an der Porzellanfabrik in Schirnding zum Skalka-Stausee. Zu Fuß geht es von der Ortschaft Mammersreuth auf der deutschen Seite zur Wallfahrtskirche Maria Loretto im tschechischen Starý Hroznatov. Hier wie dort das Überschreiten der Grenze kaum zu merken.

 

An einem Samstagnachmittag wollen wir auf ein tschechisches Bier, türkischen Kaffee und Klechselkuchen in die Gastwirtschaft Diana in Svatý kříž bei Waldsassen. Unser Freund Heinz fährt. Er ist mit den Wirtsleuten ein wenig bekannt. Wir parken vor der Wirtschaft. Romantisch sieht es hier aus, Wälder auf beiden Seiten der Straße, in der Nähe ein verwunschener Teich wie aus der Oper Rusalka. Die Idylle wird nur von den Autos gestört, dem beständigen Hin und Her zwischen den beiden Ländern, als hätte es hier nie Schranken gegeben.

 

Wir gehen in das Lokal, alles hübsch und gepflegt. Im Vorraum in blitzenden Vitrinen eine Menge Souvenirs, die für Tschechien typischen Andenken, hauptsächlich Porzellan. Und, was uns besonders freut, auch große Tüten mit getrockneten Pilzen, wovon drei gleich in unseren Besitz übergehen.

 

Es kommt dann auch der Wirt mit einem wunderschönen Bernhardiner, freundliche Begrüßung von Beiden. Heinz beginnt die Unterhaltung auf Tschechisch, da der Wirt kein Deutsch kann. Als er aber bemerkt, dass ich Tschechin bin und auch mein Mann ganz anständig Tschechisch spricht, kommen wir schnell ins Gespräch. Wir erfahren, dass er aus Trutnov stammt, dann in mehreren Orten Westböhmens gearbeitet hat, bis es ihn endlich hierher verschlagen hat. Für einen typischen Tschechen eher ungewöhnlich, die Böhmen gelten als sesshafter Menschenschlag. Auf dem Tisch sehe ich ein Kärtchen: "Restaurace Diana, Svatý kříž/Wies". Ich frage nach der zweisprachigen Bezeichnung. Und der Wirt berichtet mir bereitwillig, was es damit auf sich hat.

 

Im 18. Jahrhundert war die damalige Ortschaft Wies ein bekannter Pilgerort. Es stand hier die Wallfahrtskirche "Zur Auspeitschung Christi". Um sie herum das Dorf Wies. Es gab außer einer Schule, einem Hospital und einem Waisenhaus auch ein Ausflugslokal. Im Jahr 1930 standen in Wies 15 Häuser und es lebten dort 104 Menschen. Nach der Grenzschließung im Jahre 1949 begann die Zerstörung des Dorfes. 1952 sprengten Grenzsoldaten die Kirche und 1958 wurden die Reste der Ortschaft dem Erdboden gleichgemacht. So ist dieser Wallfahrtsort an der bayerisch-tschechischen Grenze für immer verschwunden.

 

Nach 1990 baute man die neue Zollstation und das Restaurant Diana. Zur traurigen Geschichte des Ortes sagt der Wirt noch: "Als ich erfahren habe, dass hier ein Wallfahrtsort war, habe ich auf dem Rathaus darum gebeten, irgendeinen Gedenkstein aufzustellen oder wenigstens ein Kreuz. Als man mir erklärt hat, dass es dafür kein Geld gebe, habe ich selbst ein Kreuz errichtet. Wissen Sie, ich bin kein gläubiger Mensch, aber so etwas ist doch Teil unserer Kultur."

 

Dann fragt ihn Heinz in seinem liebenswürdigen Tschechisch: "Und Ihr Problem mit dem Teich?" Auf diese Frage reagiert er zunächst recht barsch: "Das ist nicht mein Problem, das ist das Problem des Staates!" Mein Mann will wissen, um welches Problem es sich denn handle. Und so erfahren wir die unglaubliche Geschichte des Weihers, der uns bereits auf der anderen Seite der Straße, unweit der Gastwirtschaft aufgefallen ist: Im Jahr 2000 nämlich, drei Jahre nachdem der Wirt hierhergekommen war, begann er sich für den Teich zu interessieren. Er wollte ihn pachten, instand setzen und darin Fische züchten. An dem Teich stand ursprünglich das örtliche Hospital, zu dem er damals auch gehörte. Heute ist er im Besitz der tschechischen Forstverwaltung in Franzensbad. Mit dieser kam dann auch ein Pachtvertrag zustande. Es war aber außerdem nötig, beim Wasserwirtschaftsamt in Ústí nad Labem die Wassernutzungsrechte zu beantragen. Diese Verhandlungen fanden im Jahr 2004 statt. Auf diesem Wege musste der Wirt erfahren, dass der Teich vermint ist. Die Verminung war in den 50-er Jahren auf Veranlassung der Staatssicherheit erfolgt, die anscheinend befürchtete, dass durch den Teich irgendwelche "Republikschädlinge" der Republik den Rücken kehren könnten. Von der Verminung des Teiches hatte die Forstverwaltung angeblich vorher nichts gewusst. Von ihr erfuhr der Wirt auch, dass zur Beseitigung der Minen kein Geld vorhanden sei, dass er diese Arbeiten aber auf eigene Kosten ausführen könne. Es handle sich etwa um eine halbe Million Kronen. Der Wirt ist so aus dem Vertrag ausgestiegen. Noch weiter hören wir von ihm, dass bereits um 1990 von Deutschen Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten an dem Teich vorgenommen wurden, ohne dass die wussten, dass dort Minen lagen. Nötig geworden waren die Arbeiten im Zusammenhang mit der Einrichtung des Grenzübergangs und der Straßenbauarbeiten. Damals wurde der Teich abgelassen, erhielt neue Bohlen für den Mönch und wurde wieder geflutet. Die Bauabnahme fand im Jahr 1992 statt.  Seitdem wurde der Teich aber nicht mehr gereinigt, der Mönch ist wieder vermodert und kann das Wasser nicht mehr halten. Der Weiher ist teilweise verlandet, seine Wasserfläche hat sich auf die Hälfte der ursprünglichen Fläche verringert. An seinem weiteren Schicksal scheint der Eigentümer ? die tschechische Forstverwaltung ? kein Interesse zu haben, auch nicht an dem Entfernen der Minen. Wir müssen dem Wirt zustimmen, dass ein verminter Teich, noch dazu völlig ungesichert, ein unverantwortliches Sicherheitsrisiko darstellt.

 

Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, irgendetwas in der Sache zu unternehmen. Bevor wir ins Auto steigen, schauen wir uns noch das Kreuz an, das an der Stele der ehemaligen Wallfahrtkirche steht und wir werfen noch einmal einen Blick auf den Teich. Wie sich sein Aussehen jetzt verändert hat, düster und bedrohlich liegt er da. Keine Einzäunung, kein Gefahrenhinweis. Nur ein Schild: Vorsicht Staatsgrenze - also doch eine Grenze - die Grenze zwischen der Verantwortung auf der einen und der Verantwortungslosigkeit auf der anderen Seite.