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Besserwisser und Ignoranten

Helmut Böttcher

 

BESSERWISSER UND IGNORANTEN

BOYKOTTIEREN EINE GUTE  IDEE

 

 

Deutsche und französische Jugendliche hatten eine gute Idee: Fachleute könnten doch mal ein textgleiches deutsch-französisches Geschichtsbuch verfassen. Die Idee wurde realisiert, und seit 2006 wird das Buch in deutschen und französischen Gymnasien erfolgreich für den Unterricht eingesetzt. Annette Schavan, deutsche Bildungsministerin (CDU), von der im allgemeinen nicht viel zu hören ist, setzte aufgrund dieser Erfahrung noch eins drauf: Warum sollte dieses Prinzip nicht für alle Länder der EU angewendet werden?

 

Wie immer, wenn jemand mal einen guten Vorschlag macht, kommen die Bedenkenträger aus ihren Löchern, diesmal in vorderster Front aus Polen und Tschechien. Alexandr Vondra, tschechischer Minister für europäische Angelegenheiten (der, wenn er sein Amt ernst nähme, ein solches Projekt als erster befürworten müsste), befürchtet in Bezug auf das deutsch-tschechische Verhältnis, dass kontroverse Fragen ausgeklammert würden. Wird hier eine Begründung für eine prinzipielle europafeindliche Haltung gesucht? Natürlich gibt es die bekannten, im wesentlichen hochgespielten Kontroversen ? wer sagt aber, dass man sie nicht, ruhig als solche bezeichnet,  in ein gemeinsames Buch aufnehmen könnte? Ins gleiche Horn blasen natürlich die Polen, diesmal ist es der radikale und oft ins Antisemitische abgleitende Kulturminister Roman Giertych, der verlangt, dass gegensätzliche Meinungen Polens und Deutschland vorher geklärt werden müssten. Deutschland, so sein Vorwurf, interpretiere die europäische Geschichte falsch. (Man kann den Deutschen eine Menge vorwerfen ? dass die heutigen deutschen Regierungen ein falsches Geschichtsbild in die Welt setzen würden, ist blanker Unsinn) Beide, Vondra und Giertych, bauen einen Popanz auf, der ? jedenfalls unter den für ein Schulbuch verantwortlichen Intellektuellen ? gar nicht existieren dürfte. Die Historiker sollen so wahr wie möglich über die Geschichte berichten, Interpretationen sollen sich von selbst ergeben. Abweichende Meinungen sollen, solange sie seriös und der Wissenschaft verpflichtet sind, natürlich dargestellt werden.

 

Und wie bei den Politikern geht es bei den sogenannten Fachleuten weiter, am schlimmsten bei den Funktionären: Zden?k Beneš, Vorsitzender der deutsch-tschechischen Schulbuchkommission, spricht davon, dass vorherrschende Stereotypen und Belastungen zwischen Deutschen und Tschechen ausgeprägter seien als im deutsch-französischen Verhältnis, und gibt sich damit als Ignorant zu erkennen: Die Tschechen waren für die Deutschen niemals die ?Erbfeinde?, als die sich Franzosen und Deutsche gegenseitig sahen; gerade wegen dieser historischen Belastung ist es doppelt erfreulich, dass das bilaterale Geschichtsbuch in Frankreich und Deutschland erschienen ist. Ein anderer Besserwisser (in Bezug auf ihn und andere schreibt Herr Alois Hartl in einem Brief an die Prager Zeitung, die das Thema interessant dargestellt hat und auf deren Text sich der vorliegende Artikel stützt: ?Wer beim Unterricht zu viel Schiffchen versenkt, redet später solchen Blödsinn?) meint mitteilen zu müssen, dass der Einfluss Böhmens und Mährens auf die deutsche Geschichte eher marginal sei, ein gemeinsames Geschichtsbuch würde wohl kein ausreichendes Interesse finden. Quellenmaterial für die Lehrer sollte genügen.

 

Aufgrund von denkfaulen Mutmaßungen wird eine Idee abgelehnt, die Menschen, denen die deutsch-tschechischen Gemeinsamkeiten, die sich wiederum aus den historisch engen Beziehungen beider Länder ergeben, mehr am Herzen liegen als die von ein paar unbelehrbaren Grüppchen hochstilisierten Gegensätze, geradezu brillant erscheinen muss. Wir wissen alle, dass wir bei den Jugendlichen ansetzen müssen, wenn ein sachliches, wissenschaftlich gesichertes Bild vom jeweiligen Nachbarn das Verhältnis prägen soll. Bei angemessener Darstellung der gesamten erforschten Geschichte würden die strittigen Kapitel über die Zeit nach dem Münchner Abkommen bis 1945 einerseits und über die Nachkriegsvertreibung andererseits nur einen marginalen Platz einnehmen. Alle anderen Themen sind heute weitgehend frei von irgendwelchen Emotionen. Leserbriefschreiber Hartl hat interessante Vorschläge gemacht, mit seiner Erlaubnis sollen sie hier wiederholt werden: ?Fürst Wenzel und König Heinrich begründen die Freundschaft ihrer Völker?, ?Vratislav und Heinrich gemeinsam gegen das übermächtige Papsttum? (für Nichthistoriker ist es vielleicht neu oder in Vergessenheit geraten, dass im Investiturstreit Deutsche und Tschechen eine gemeinsame Haltung einnahmen), ?Der eiserne und goldene König, Freund der Deutschen, Rivale Habsburgs? (über Přemysl Ottokar II., der die deutschen Siedler ins Land holte), ?Die Luxemburger auf dem böhmischen Thron ? böhmische Könige mit der deutschen Kaiserkrone?, ?Von Jan Hus zu Martin Luther ? die Reformation begann in den böhmischen Ländern?. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass unser Freund Dr. Eberhard Kemnitz ganz allein ein Kapitel über Karl IV. beitragen könnte. Neben der Politikgeschichte käme die Kunst zu Wort: ?Christoph und Kilian Dientzenhofer, bayerische Baumeister erschaffen das goldene Prag? (Hartl), weitere Texte könnten sich der deutschsprachigen Literatur in Prag und Böhmen widmen, auch der Tatsache, dass etwa Dvořáks Musik in Deutschland nicht als etwas Fremdes betrachtet wird      und umgekehrt die klassisch-romantischen deutschen Komponisten die Grundlagen des musikalischen Grundverständnisses auch in Böhmen bilden. Die Themenreihe ließe sich leicht erweitern, und da müsste nichts ausgeklammert und versteckt werden. Eigentlich gehörte noch nicht einmal Mut dazu, ein solches Geschichtsbuch zu konzipieren ? notwendig wäre lediglich der Wille zu ehrlicher, offener und wissenschaftlich gefestigter Arbeit.

 

Wer sich jedoch Hoffnungen machen sollte, dass die schöne Idee realisiert werden könnte, sollte den schönen Traum schnellstens begraben, die Bürokraten, Bedenkenträger und Ignoranten werden sich mit ihrer Boykottandrohung durchsetzen. Gelernt haben wir, was wir sowieso schon wussten: Funktionäre jeglicher Art verhindern gern, was sie fördern sollten, und Europapolitiker, mindestens die in Polen und Tschechien, arbeiten nicht für sondern gegen die Idee von Europa; die alten Feindbilder in den deutsch-tschechischen und deutsch-polnischen Beziehungen sollen, wenn es nach ihnen geht, möglichst lange erhalten bleiben ? es könnte ja ein paar Stimmen kosten, wenn sie sich anders verhielten.