Spaete Einsicht
Uwe Müller
SPÄTE EINSICHT*
Dem bayerischen Ministerpräsidenten kommt die Einsicht sehr spät, vielleicht zu spät. Wenn er nun kurz vor dem Ausscheiden aus der Spitzenpolitik Tschechien besuchen möchte, dann ist das verständlich. In einem zusammenwachsenden Europa hat es ausge-rechnet er nicht geschafft, in 14 Jahren Amtszeit beim Nachbarn vorbeizusehen. Damit droht er in die Geschichte einzugehen als einer, der die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat. Seine Trotzhaltung kontrastiert realitätsfremd zu den intensiven Beziehungen des Freistaats zu Tschechien in Wirtschaft, Kultur und kommunaler Politik. So sieht kein Politiker aus, der von sich behauptet, Europa mitgestaltet zu haben.
Deshalb wohl nun der Wunsch, bei einem Treffen mit Premier Topolánek doch noch ein Zeichen zu setzen. Letzterer zeigt sich mit typisch tschechischem Pragmatismus. Ob es nun noch zu einer Begegnung kommen wird, wüsste er nicht. Warum auch? Stoiber scheidet sowieso aus und dann hat es weitaus mehr Sinn, sich gleich mit dem Nachfolger zu treffen. Wird der Beckstein heißen, dann wird der es sich nicht nehmen lassen, Prag zu besuchen. So mag durchaus verständlich und nüchtern Topolánek erwägen. Zumal ihm der Schuh nicht drückt, dafür aber Stoiber. Denn der scheidet Ende September aus der Spitzenpolitik aus. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um nicht als jener Spitzenpolitiker Deutschlands dazustehen, der es abgelehnt hat, die tschechischen Nachbarn zu besuchen.
* Prager Zeitung vom 5. Juli 2007 (Der Autor ist Chefredakteur der Prager Zeitung.)
